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7. Januar 2013 / Dagmar Grace Reder

Die Nacht

An diesem Tag war es sehr kalt. Mitten im Winter, frostig wie am Nordpol, aber ohne Schnee. Eigentlich war das kein Tag mehr, denn es war spät und dunkel. Am Himmel sah man genau die Sterne, genauso wie den Mond – und es war Vollmond. Sie hat die Schönheit dieses Augenblicks wirklich gut erkennen können. In ihren Gedanken spielte jetzt die Musik, ein Stück, das genau von so einem Wetter erzählt…

Eisblumen blühen in der Nacht…

Ja, es war ihr eiskalt, das zählte aber nicht. Sie war allein, hier, an einem See, weit von der Hektik der Stadt, weit von allen Menschen. Hier, wo sie sich sicher fühlte, wo sie die echteste Schönheit der Natur bewundern konnte. In solchen Momenten zählt die Kälte nicht.

Sie träumte vom Meer.

Ein kleiner See ist zwar nichts im Vergleich zur unendlichen Weite des Meeres, aber als Notersatz hat er sich bewährt. Das kalte Wasser… oh, wie wundervoll es wäre, das Rauschen der ewigen Wellen zu erleben… aber nein, an diesem kleinen Seechen rauschten nur die Bäume ganz leise… aber das reichte ihr. In ihren Gedanken hat sie nämlich das erlebt, wonach sie sich so sehnte.

>>Sich in die ewigen Wellen legen und… sterben…<<

Sie zündete eine Zigarette an. Mit Vanillegeschmack, die mochte sie am besten. Endlich war sie entspannt… Sie genoss den süßen Duft des Rauches sowie die tiefe Stille. Aber das dauerte nicht lange…

Plötzlich erhörte sie das Geräusch von brechenden Zweigen und den regelmäßigen Rhythmus von menschlichen Schritten. >>Nein, schon wieder jemand<< dachte sie… vielleicht bleibt sie aber unbemerkt? Nachdem sie die Kippe ins Wasser geworfen hatte, rückte sie hinter ein großes Gebüsch. So sehr wollte sie nicht gestört werden…
Leider hat der Fremde sie bemerkt. Ein Mann, der müsste etwa in ihrem alter sein, vielleicht etwas älter.

– Alles in Ordnung? Brauchen Sie Hilfe? – fragte er höflich
– Ja, alles ok, danke! – antwortete sie schnell. >>Geh weg!<< dachte sie dabei.
– Sicher? Sie sehen nicht gut aus.
– Danke, Sie sind auch nicht der Schönste.
– Das meinte ich doch nicht… Ich meine, sie sehen blass und müde aus. Vielleicht kann ich Ihnen doch helfen?
– Entschuldigung… nein, danke, ich komm‘ zurecht. >>Geh endlich weg!!!<<
– Haben Sie keine Angst?
– Nein, wovor denn?
– Wer weiß, wer hier so rumläuft…
– Bisher nur Sie. Hier ist es nicht gefährlich. Fast niemand da.
– Trotzdem passen Sie auf sich auf.
– Keine Sorge. Passen Sie lieber auf sich auf. >>und lass mich endlich in Ruhe!!!<<
– Klar. Gute Nacht! >>du Verrückte<< fügte er in Gedanken hinzu.
– Tschüss. >>Endlich!!!<<

Was war das denn? Normalerweise läuft hier wirklich niemand rum. Sie fürchtete schon, sie verliert wieder ihren „eigenen“ Platz, wo sie sich von der Welt verstecken könnte. Immer wieder diese Menschen…
Das war einer der Tage, an denen sie überlegen musste, wieso so viele Menschen so irritierend und dumm seien. Aber sie ist doch auch ein Mensch. >>Da muss ich auch dumm und irritierend sein…<< dachte sie dann. Eigentlich war das ein Teufelskreis der Gedanken – schon wieder. Sie hasste das, die Gedanken kamen aber wieder. >>Ich muss weg, ich muss los… etwas machen, irgendwas…<<

Sie stand auf, nahm einen Stein und mit ihrer ganzen Kraft warf sie den Stein ins Wasser. Sie wollte schreien. Aber dann wäre die heilige Stille gestört…
>>Ich halte nicht mehr aus!<<

Ein lauter, greller Schrei voller Verzweiflung und Schmerz brach die tiefe Stille der Gegend. Doch das brauchte sie gerade. Sie fühlte sich wie nach dem Übergeben, wobei sie das Gift aus ihrem Körper losgeworden ist. So ein angenehmes Gefühl…

Sie setzte sich wieder hinter das Gebüsch und zündete eine Zigarette an.  Wieder war es so still, als gäbe es nur sie, den See und die Bäume auf der Welt… Und den süßen Duft der Vanillezigaretten…

Crystallize… Elements…

Die angenehme Kälte umhüllte ihren Körper, trotz einer Winterjacke. Aber so war es gut, angenehm. So fühlte sie, dass sie lebt…

– WAS IST LOS? – das war wieder er.
– Bitte? >>Mensch, was willst du wieder von mir?<<
– Ich habe Sie schreien hören. Ich dachte, es ist Ihnen etwas passiert, deshalb bin ich schnell zurück.
– Danke, das mussten Sie aber nicht. Wie Sie sehen, es ist alles in Ordnung. Außerdem, woher wissen Sie, dass ich geschrieen habe…?
– Sie haben selber gesagt, hier gibt es niemanden. Das mussten also Sie sein.
– Ich habe wegen dem tiefen Schmerz geschrieen, der aufgrund der Störung meiner inneren Ruhe durch das Gespräch mit Ihnen entstand.
– Oh… ok… >>Was sprichst du da, du Verrückte?<< Entschuldigung, ich wusste nicht, dass ich Ihnen so weh getan habe.
– Macht nichts, Sie wissen das also jetzt. Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie mich jetzt wieder alleine lassen.
– Schon klar. Passen Sie auf sich auf. Gute Nacht!
– Passen Sie lieber auf sich auf. Tschüss!

Warum? Warum musste sie immer jemand stören…? Jetzt hatte sie eine noch größere Lust zu schreien… Doch sie hielt sich davon ab. Sie wollte keine Menschen mehr sehen, sie wollte endlich ihre Ruhe…

>>Wenn ich im Wasser sinke, habe ich Ruhe für immer… Das darf ich aber nich… das darf ich nicht… das will ich auch nicht!<<

Das machte keinen Sinn mehr. Sie wird hier nicht mehr ruhig. Wieder hat ein Mensch ihre Ruhe genommen und sie findet sie hier nicht mehr, das wusste sie. Inzwischen kannte sie die Reaktionen ihres Körpers und Verstandes auf die äußeren Reize. Sie zündete eine Zigarette an und ging nach Hause. Dort nahm sie eine Schlaftablette und fiel in einen tiefen Schlaf…

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