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8. Januar 2013 / Dagmar Grace Reder

Am Morgen danach

Als sie aufwachte, konnte sie nicht aufstehen. Sie konnte sich nicht mal bewegen. Sie hat versucht, eine Hand zu heben, aber das ging nicht. Schon wider. Wieder war sie an ihr Bett gefesselt.
>>Nein… nein…<< dachte sie verzweifelt >>Immer wieder das Gleiche… WARUM?<<
Sie wollte schreien, doch dann bemerkte sie ihre beste Freundin, mit der sie zusammen in einer WG wohnte.

– Ellie… Du bist da…
– Hast du jemanden anders erwartet? – fragte sie lächelnd
– Was habe ich wieder angestellt?
– Das Übliche. Keine Schaden in der Wohnung, wenn du das meinst.
– Du hast mich aber fesseln müssen…
– Tja… ich lass dich schon los…

Ellie schnallte ihre Freundin ab, ließ sie aber nicht aufstehen. Sie mussten reden.

– Du musst das deiner Familie sagen. So kann es nicht weitergehen.
– Und du weißt ganz genau, was dann passiert. Sie lassen mich in der Klapse schließen und das will ich nicht!
– Vielleicht ist das aber keine schlechte Idee?
– BITTE?
– Na ja, ich meine nicht eine geschlossene Abteilung, wo du noch wahnsinnig wirst oder so…
– Ich dachte, ich bin bereits wahnsinnig…
– Nein, du hast ein Problem und du brauchst Hilfe. Die willst du dir leider selber nicht holen. Und irgendwann ist es zu spät. Schau dir deine Arme an.

Sie tat das, wofür ihre Freundin bat und wusste sofort, wieso Ellie sie ans Bett gefesselt hat. Auf ihren Ärmen häuften sich neue Verletzungen. Unregelmäßige Schnitte, einige tief, andere nicht. Das Blut war während der Nacht geronnen. Da sie keine Flecken vom Blut auf ihrer Haut sah, erkannte sie, dass Ellie die Wunden behandelt hatte.

-Danke, Ellie. Danke für alles und Entschuldigung… du weißt, dass ich dich liebe!

Ellie lächelte und strahlte vor Liebe, Wärme und Zuverlässigkeit. Das hat sie an Ellie, ihrer besten Freundin, geliebt. Was die beiden verband, war etwas Seltsames und Besonderes. Eine außergewöhnliche Art von Liebe, etwas viel mehr als eine normale Freundschaft, doch ganz frei vom erotischen Begehren. Solche Beziehungen kommen selten vor, sogar unter Geschwistern. Die beiden liebten sich unendlich, passten aufeinander auf und machten alles, damit die andere nicht verletzt wird. Einige von ihren Bekannten glaubten sogar, sie seien ein homosexuelles Paar, was die beiden immer auslachten, aber manchmal verhielten sie sich provozierend, um den anderen einen Grund zum Tratschen geben. Das machte ihnen einen riesigen Spaß.

– Du hast echt schwer mit mir, Ellie… – sagte sie leise – danke, vom ganzen Herzen danke!
– Kein Grund zum Danken, meine Liebe! Ich habe nicht schwer mit dir, weil du diese Attacken hast, ich mache mir aber riesige Sorgen um dich! Irgendwann wohnen wir nicht mehr zusammen. Du weißt, wie sehr ich mir in der Zukunft eine Familie wünsche. Du kannst dich dann auf mich nicht mehr verlassen…
– Ich weiß das und respektiere deine Vorhaben! Aber lass das meine Sorge sein und das erst wenn es soweit ist.
– Das wird nie wieder nur deine Sorge sein. Weißt du noch, Der kleine Prinz und „Du bist zeitlebens dafür verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“. Deine Sorge ist meine Sorge, für immer.
– Ich liebe dich!
– Ich dich doch auch.

Sie küssten sich sanft auf die Lippen und umarmten sich.

– Ich habe bereits verschiedene Therapien versucht. Nichts hat geholfen… Was können sie mir in der Klinik mehr anbieten? Ich nehme doch schon jetzt diese Scheiß-Tabletten… und hasse die…
– Eine Intensivtherapie ist doch was anderes als eine wöchentliche. Und vielleicht kriegst du dort bessere Medikamente, denn dann muss man nicht mehr darauf aufpassen, dass du arbeitest oder so.
– Gut, dass du das ansprichst – ich muss doch arbeiten! Wenn ich mich für eine längere Zeit krank schreiben lasse, habe ich so gut wie keine Stelle mehr. Wer soll mich dann unterhalten und wer zahlt für meine künftige Rente?
– Hast du nicht gesagt, du schaffst das nicht bis zur Rente?
– Du Mistvieh!

Sie schauten sich lächelnd und mit einem Verständnis an, das nur zwischen ihnen bestand.

Sie sah sich selbst als eine erbärmliche Person und wusste nicht, warum Ellie immer noch bei ihr war. Sie wollte darüber nicht nachdenken, denn das brachte sie in eine noch schlechtere Stimmung. Sie wusste, sie hat so eine Freundin nicht verdient und war umso dankbarer, dass Ellie da war. Sehr oft hat sie für Ellie gebetet und wusste, ihre Freundin macht dasselbe für sie. Gleichzeitig wusste sie, dass niemand auf der Welt sie so gut wie Ellie verstehen könnte. Was sie sehr hoffte und woran sie glauben wollte, war, das sie irgendwie, irgendwann auch so viel für Ellie machen kann, wie ihre Freundin für sie getan hatte.

In der vorherigen Nacht erlebte sie wieder eine ihrer Attacken. Und wieder sah sie nur die Ergebnisse ihres jämmerlichen Verhaltens – die Wunden und Narben auf den Ärmen, Beinen und dem Bauch. Aber an die Attacke selbst konnte sie sich nicht mehr erinnern. Sie konnte sich nie an die Attacken erinnern. Sie wurde dann wie bewusstlos oder wie bei einem Blackout. Und dann tat sie die schlimmsten Sachen…
Am häufigsten fügte sie sich selber Schaden zu. Obwohl Ellie alle Rasierklingen und viele andere schrfe Gegenstände weggeschmissen hat, gab es in der Wohnung eine ganze Menge von Dingen, mit denen sie sich verletzte. Man braucht doch Messer in der Küche, Schere im Büro oder Nagelschere im Bad. Und während einer Attacke war ihr egal, was sie nahm.
Es kam auch vor, dass sie die Sachen in der Wohnung verstreute, gegen die Wand oder durchs Fenster schmiss. Leider warf sie auch nicht einmal irgendwelche Gegenstände gegen Ellie, die sie beruhigen wollte. Sie hat gelernt, ihre Attacken einigermaßen zu beherrschen und wenn sie spürte, dass es dazu kommt, nahm entsprechende Tabletten, nach denen sie tief und fest geschlafen hatte. Leider kamen die Beschwerden manchmal so plötzlich und unerwartet, dass sie sie nicht mehr stoppen konnte. Deshalb hat sie zusammen mit Ellie provisorische Fessel bei ihrem Bett gemacht – damit Ellie sie legen und beruhigen kann. Dann war sich Ellie sicher, dass ihre Freundin sich nichts mehr antut und konnte ihr in dieser Position die Beruhigungstablette geben. Wenn sie einschlief, behandelte Ellie die entstandenen Wunden.
Ellie wünschte sich sehr, dass ihre Freundin sich von einem Spezialisten behandeln lässt. Es war ihr klar, dass ihre Mitbewohnerin entsprechende Medikamente einnimmt und regelmäßig zum Arzt geht, doch diese Besuche brachten nichts außer den Rezepten für weitere Tabletten, die der Freundin ein relativ normales Leben erlaubten. Ellie wusste aber, dass das Problem sehr tief in der Psyche ihrer Freundin liegt und dass sie gegen den Grund kämpfen und nicht nur die Symptome behandeln soll. Ihre Freundin hatte aber schlechte Erfahrungen mit den Therapien und ließ sich für keine weitere überreden. Solange die beiden zusammen gewohnt haben, war es ok, denn Ellie war immer zur Hilfe bereit. Was wird aber ihre Freundin tun, wenn Ellie heiratet und ihre eigene Familie gründet? Sie wollte doch ihre Freundin nicht alleine lassen, andererseits aber konnten sie nicht ewig zusammen wohnen. So schwer war für Ellie diese Freundschaft, aber noch mehr liebte sie ihre Freundin und wusste, dass sie ihre Krankheit nicht selber gewählt hat, um irgendjemandem eine Last zu sein. Doch so hat sie sich gefühlt… und Ellie wollte ihr beweisen, dass sie auch trotz allem ein wertvoller Mensch ist. Und ob krank oder nicht – Ellie hat ihre Freundin geliebt. Und wahrscheinlich sogar mehr, als ihre Familie. So wie die beiden fürchteten, würde die Familie wahrscheinlich gar nicht an ihre Krankheit glauben. Sie würden sie einfach als „Verrückte“ qualifizieren und in eine psychiatrische Klinik schicken, am besten in eine geschlossene Abteilung und hätten nichts mehr mit ihr zu tun. Ihre Familie war nämlich sehr gläubig und verstand sich als „anstängig“. Sie erfreuten sich eines guten Rufes und waren sehr wohlhabend. Eine psychisch kranke Person in der Familie würde ihrem Image maßgeblich schaden und das wollten sie nicht. Ihr äußeres Bild war ihnen wichtiger als die Gesundheit ihrer Tochter bzw. Schwester.
Deshalb zog sie weg, wenn sie nur Gelegenheit dazu hatte und brach den Kontakt zu ihrer Familie ganz ab. Sie ging in eine andere Stadt, wo sie Ellie kennen lernte. Ihre Freundschaft wuchst langsam, sie gewannen allmählich gegenseitiges Vertrauen. Schließlich konnten sie nicht mehr ohneeinander leben, zogen also zusammen. Seit dieser Zeit waren die beiden fast unzertrennlich, was den Verdacht auf eine lesbische Beziehung weckte, auch unter den Eltern der beiden. Diese Situation nutzten die beiden oft, ihnen einen Streich zu spielen, so dass ihre Familien wirklich nicht mehr wussten, welcher Orientierung ihre Töchter sind. Den Töchtern war das aber mehr als egal.

– Machst du was damit? – fragte Ellie
– Womit denn?
– Na, mit deinem Problem…
– Ich mache doch alles, was ich kann! – antwortete sie mit erhöhter Stimme
– Na, eben nicht…
– Ich muss einen Kaffee trinken, mein Kopf explodiert gleich. Außerdem muss ich meine Tabletten nehmen… Willst du was zum Frühstück?
– Ja, ich esse was. Dann muss ich los… gehst du heute in die Arbeit?
– Klar. Aber heute beginne ich erst am Nachmittag.
– Gut. Zieh aber etwas mit langen Ärmeln an.
– Mache ich. Lass uns jetzt in die Küche gehen.

Die Freundinnen gingen in die Küche und ließen die Sache von der Nacht und dem Morgen vergessen und verbrachten den Tag nach dem ganz normalen Rhythmus.

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