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23. Januar 2013 / Dagmar Grace Reder

Rechtzeitig

– Schalke? Bist du da? – rief Ellie. Sie kam gerade nach Hause von der Arbeit.
– Schalke! Ich weiß, du bist da, die Tür war nicht verschlossen und du vergisst nie, die Tür abzuschließen!

Ellie zog ihre Jacke und Schuhe aus. Sie war jetzt echt beunruhigt. Entweder hat ihre Freudin tatsächlich vergessen, die Tür zu schließen oder…
>>Oh Gott… lass es nicht zu… bitte… nein, sie schläft, bestimmt schläft sie. Ja, es ist schon ziemlich spät und morgen muss sie früh los. Ich bin vielleicht schon etwas überempfindlich.<<

Ellie ging weiter ins Schlafzimmer ihrer Freundin, aber dort war sie nicht. Sie hat weder geschlafen noch irgendwas anderes gemacht.
>>Haha, sie ging wieder in mein Bett… wie lustig<<, aber das Lachen in Ellies Kopf war echt nervös und hatte nichts mit Freude zu tun.

– SCHALKE!!!

Ellie wusste schon, was das bedeutet. Sie lief ins Badezimmer. Dort war aber ihre Freundin auch nicht – Ellie eilte also in die Küche und diesmal war sie richtig. Ihre Freundin saß da, mit dem silbernen Küchenmesser. Diesmal kam das aber sogar der Ellie komisch vor. Sie hat sich nichts angetan. Noch nichts. Sie starrte das silberne Messer, als wäre es der kostbarste Gegenstand, den sie je gesehen hatte. Sie starrte das Messer an und lächelte leicht. Dann bemerkte sie Ellie. Aber sie sah Ellie nich normal an. Ihre Augen waren anders. Sie waren wie leer. Tief und schwarz. Verrückt.

– Ellie… – sagte sie leise – Ellie, meine Liebe!

Das war komisch. Bei Attacken hat sie manchmal ihre Freundin angesprochen, aber nicht so – interessiert, liebevoll… als freute sie sich, Ellie zu sehen. Bei Attacken hat sie eher Ellie angeschrieen, sie solle sie alleine sterben lassen.  Ellie bekam Angst. Angst vor dieser unbekannten Situation.

– Ellie…
– Ja, Schalke?
– Ich habe dich nicht verdient. Ich habe nichts auf dieser Welt verdient. Aber ich liebe dich.
– Ich liebe dich doch auch! Was ist los mit dir? Was ist heute passiert? Etwas in der Arbeit? Hat dir jemand was angetan? Etwas blödes gesagt? Du weißt doch, wie du damit umgehen kannst. Du kannst es sehr gut…

Sie schaute Ellie an, aber Ellie wusste, ihre Freundin sieht sie nicht. Ihre normale Freundin. Denn jetzt war sie wie besessen. Das war keine Attacke. Das war wie eine Trance.
Sie nahm das Messer und legte die Klinge auf ihrem linken Arm. Langsam stieß sie die Klinge tief in die Haut, bis das Blut ronn. So zog sie das Messer den ganzen Unterarm lang. Es enstand eine lange Wunde, das Blut floss langsam aus dem Schnitt. Ellie stand wie hypnotisiert. Sie war sich nicht sicher, was gerade passierte, was dies überhaupt soll. Realität oder Albtraum? Zum ersten mal hat ihre Freundin beim Selbstverletzen nicht hysterisch geweint, nicht geschrieen, nichts geworfen. Zum ersten mal war sie ganz ruhig. Ellie schaute, wie ihre Freundin sich langsam eine Wunde in den Unterarm hineinschnitt. Dann hebte ihre Freundin ihren Kopf und schaute Ellie direkt in die Augen.

– Das ist es, Ellie, das ist es…
– Was ist es, Schalke? Worüber sprichst du?

Aber sie antwortete nicht. Sie sah so zufrieden, ja glücklich aus. Sie starrte wieder das Messer an, jetzt ganz in ihrem Blut, als wäre das ihr kostbarster Schatz. Sie roch das Messer und dann ihren linken Unterarm. Sie lächelte, jetzt breit und deutlich, wie ein kleines Kind, das gerade seine Lieblingsbonbons gekriegt hatte. Dann leckte sie langsam ihr Blut von der Wunde.

– Ja… das ist es… mein Blut, das ist meine Strafe…
– Schalke, welche Strafe? Hör jetzt auf! – Ellie wachte von der Trance auf. Ruhig oder auch nicht, das war eine der Attacken ihrer Freundin. – Schalke, du hörst jetzt auf! Du gehst ins Bett. JETZT!
– Ich bleibe hier. Ich will sterben. Ich muss sterben! Schau, das ist mein Blut! Hier! Es soll ganz weg von meinem Körper. So, dass nichts bleibt. Dann kann ich gehen, für immer. Dann bin ich richtig bestraft!
– Komm, ins Bett!
– NEIN! Lass mich, oder ich steche dich!
– Das tust du nicht.
– Doch, ich tu das, wenn du näher kommst!!!
– Das tust du nicht.
– Ellie, ich will dir nichts antun…
– …dann tu es nicht.
– …aber du willst mich dazu zwingen!
– Ich zwinge dich zu nichts, meine Liebe. Ich möchte nur, dass du schlafen gehst.
– Ja, und du wirst mich wieder fesseln, wie ein Tier, wie einen Gegenstand, wie einen unwürdigen Sklaven, wie…
– Nein. Ich werde dich nicht fesseln. Wenn du sicher gehen willst, kannst dich ins meine Bett legen. Bitte schön.
– Was willst du wieder von mir? Du hast einen Plan! Du willst mich… was willst du mir antun?
– Nichts, liebe Schalke. Ich will, dass du ins Bett gehst.
– DU LÜGNERIN!

Sie hatte immer noch das Messer in der Hand und ging jetzt rasch auf Ellie zu. Das Messer war gezielt auf Ellie. Aber Ellie war vorbereitet. Sie fasste unerwartet am Handgelenk ihrer Freundin und drehte ihre Hand mit dem Messer drin auf ihren Rücken und riss das Messer heraus. Ihre Freundin stieß einen grellen Schei heraus. Ellie warf das Messer auf den Boden und zog ihre Freundin in ihr Zimmer, setzte sie aufs Bett und dann drückte nieder, so dass sie die Hände ihrer Freundin anbinden konnte. Ihre Freundin begann laut zu schreien und aufgeregt zu bitten, sie loszulassen. Wieder versprach sie, dass sie brav sein wird. Aber Ellie wusste, was sie zu tun hat. Nachdem ihre Freundin fest an ihrem Bett gefesselt war, lief sie schnell ins Badezimmer und holte die Tasche, in der die beiden ihre Medikamente aufbewahrten. Dort war auch das Beruhigungsmittel. Ellie zog zwei Tabletten heraus und eilte zu ihrer Freundin. Zum Glück stand dort auch eine Flasche Mineralwasser. Ellie drückte die Tabletten in den Mund ihrer Freundin und dann ließ sie das Wasser trinken. Das Gesicht ihrer Freundin wurde nass vom Mineralwasser, aber das war egal. Ellie war erschöpft. Sie setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Ihre Freundin schrie immer noch hysterisch, aber Ellie wusste, dass sie sich gleich beruhigen wird. Sie hörte nur halb bewusst dem immer ruhigeren Weinen zu. Schließlich fiel Ellie in einen leichten Schlaf.

Nach einiger Zeit – sie wusste selber nicht, wie lange sie geschlafen hat – wachte Ellie auf. Sie saß immer noch auf dem Stuhl im Schlafzimmer ihrer Freundin. Doch sie hat nicht geschlafen. Komisch – sie hat doch ihre Tablette genommen… Sie hat immer noch geweint.

– Schalke? – sagte Ellie leise.
– Ellie… du bist da? Ich dachte, du schläfst.
– Ich bin hier eingeschlafen… wie geht es dir?
– Ellie, ich kann nicht mehr… das sage ich, nicht die Besessene. Ich kann wirklich nicht mehr…
– Ganz ruhig, meine Liebe. Bist du nicht schläfrig? Ich habe dir doch deine Tablette gegeben…
– Das habe ich mir schon gedacht. Ich weiß nicht, was los ist… Hast du mir sicher das Richtige gegeben?
– Moment mal, ich schau mal nach…

Ellie lief ins Badezimmer. Die Medikamente lagen immer noch verstreut auf dem Boden. Doch nur eine Packung war offen – Lorazepam.

– Ja, Schalke, ich hab dir das richtige verabreicht. – sagte Ellie, nachdem sie ins Schlafzimmer zurückgekommen war – ich weiß auch nicht, wieso es nicht wirkt.
– Also wirken tut es schon, ich bin wieder normal. Also, „normal“. Du weißt schon…
– Klar. Warte kurz – Ellie ließ ihre Freundin los.
– Danke – sagte sie und küsste Ellie auf die Wange – Ellie, so kann es nicht weitergehen. Ich will dir nicht mehr Last…
– Halt die Klappe – Ellie unterbrach sie – du bist keine Last für mich!
– Ich weiß, dass du nichts anderes sagen wirst. Aber egal, so geht es nicht weiter. Ich muss damit Schluss machen…
– Was meinst du wieder?
– Nein, ich tu mir jetzt nichts an, wenn du daran denkst… ich meine… Arzt…
– Ach, hier stimme ich dir völlig zu. Morgen, oder eigentlich heute, gehen wir gemeinsam in die Praxis.
– Meinen Termin habe ich doch erst in ein paar Wochen.
– Pff, wir sagen, es ist ein Notfall. Denn das ist es eigentlich!
– Mach dir bitte keine extra Umstände wegen mir. Ich weiß, wo die Praxis ist – sie versuchte zu lächeln, doch sie war zu schwach.
– Aber ich möchte mit dir gehen. Oder zumindest dich abholen… Außerdem, es sind mir noch ein paar Tage Urlaub übrig geblieben. Es ist kein Problem, wenn ich diesen Tag frei nehme.
– Wie lieb du bist, weiß nur ich und der liebe Gott. Er wird dich belohnen. Reich belohnen!
– Das hoffe ich! – lachte Ellie – aber jetzt versuchen wir zu schlafen, ok?
– Ja. Es ist schon alles in Ordnung. Danke, meine Liebe. Gute Nacht, träum was Schönes!
– Du auch. Gute Nacht!

Ellie küsste ihre Freundin auf die Stirn und ging ins eigene Schlafzimmer.

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