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14. März 2013 / Dagmar Grace Reder

Die Prinzessin

Es war einmal eine Prinzessin. Sie stammte aus einem reichen Hause und kannte das Leben voller Luxus sehr wohl. Sie lebte lange Jahre mit ihren Eltern zusammen, in einem wunderbaren Schloss, wo sie all das hatte, wovon sie nicht mal geträumt hatte. Sie besaß alles, was ihr Herz begehrte. Sie lebte in einem puren Paradies.

Der König und die Königin waren sehr kluge Menschen und wussten ihre Möglichkeiten zu schätzen und zu nützen. So bekam die Prinzessin sowie alle ihre Geschwister den Unterricht von den besten Lehrern des Königreiches. Das königliche Paar kümmerte sich darum, dass das erworbene wissen immer sorgfältig geprüft wird. Auf diese Art und Weise wurde die Prinzessin samt allen Geschwistern so klug, wie ihre Eltern.

Die junge, reiche und kluge Prinzessin war auch von besonderer Schönheit, die sie bestimmt von ihrer Mutter vererbt hatte. So verlängerte sich die schon sowieso lange Liste der Vorteile der Prinzessin. Ihre Eltern waren stolz auf sie und hofften, dass ihr nur das Gute, ja das Beste der Welt begegnen möge. Sie wünschten sich auch einen guten Mann für sie, so dass sie so eine Familie gründen könnte, wie ihre eigene.

Eines Tages hatte die Prinzessin eine seltsame Bitte an ihre Eltern. Sie fragte, ob es die Möglichkeit bestand, dass sie eine kleine, aber eigene Burg bauen lässt. Sie wusste, dass es mit Kosten verbunden war, aber sie hatten doch Geld, und zwar mehr als genug. Und ihre Eltern sahen darin kein Problem. Sie wunderten sich bloß, woher die Idee ihrer Tochter kam und wozu sie das eigentlich brauchte.

– Gefällt es dir bei uns nicht mehr? – fragte der König.
– Doch, Vater, ich liebe, hier zu wohnen und noch mehr liebe ich euch.
– Warum bittest du dann uns, dir eine eigene Burg bauen zu lassen?
– Ich bin euch unendlich dankbar dafür, was ihr mir alles geschenkt habt. Das Leben. Die glückliche Kindheit, die Liebe und die ganze Bildung. Kaum jemand hat ein Teil davon im ganzen Leben bekommen, was ich von euch erhalten habe.
– Wir sind deine Eltern, das ist unsere Aufgabe, uns um dich zu kümmern.
– Und das habt ihr wunderbar gemacht. Ich bete jeden Tag für euch und bin mir sicher, im Himmel ist ein besonderer Platz für euch bereit. Ihr kennt mich und wisst, was für eine große Freude mir das Lesen und Lernen bereitet. Und hier ist immer viel los, es wohnen hier so viele Menschen, meine lieben jüngeren Geschwister, die ihre Zeit brauchen, sich auszutoben. Und ich bräuchte meine Ruhe zum Weiterstudieren.
– Das konnten wir uns allerdings denken – sagte die Königin – ich habe doch gesehen, wie gern du liest und schreibst und dass du dies oft in der Nacht, beim schwachen Licht der Kerzen getan hast… eigentlich hätte ich selber darauf kommen können, dass du deine Ruhe brauchst.
– Mach dir keinen Kopf darüber, liebe Mutter – erwiderte die Prinzessin – ihr habt beide genug viel zu tun als Herrscher dieses Landes. Also, wie wäre es mit der Burg?
– Ja, ich sehe, dass dies nicht irgendein Gutdünken von dir ist. Du warst schon immer sehr vernünftig. Gut. Wir lassen dir eine Burg bauen. Hast du schon eine Idee, wie die sein soll?
– Ja, Vater. Klein und schlicht, aber sicher und zu der nur wenige Zugang haben können.
– Gut, liebe Tochter. So machen wir das.

Der König ließ die Männer aus seinem Land eine Burg für seine Tochter zu entwefen und anschließend die zu bauen. Erstaunlich, in was für einer kurzen Zeit die enstanden ist. Sicherlich lag das an dem Geschmack der jungen Prinzessin – sie wünschte sich ja etwas Kleines, Schlichtes und Gemütliches. So wurde auch die Burg. Die Prinzessin war begeistert und wusste nicht, wie sie ihren Eltern sowie den Arbeitern danken soll.
Bald brachte sie – mithilfe der königlichen Diener – alle ihre Sachen in die eigene Burg. Als sie fertig mit dem Umzug war, verschloss sie die Tür. Und da fiel ihr etwas auf – das war eine ganz normale Tür. Den Schlüssel hatte nur sie und natürlich ihre Eltern. Trotzdem schien ihr die Tür nicht ausreichend zu sein. Da sie ihre Eltern nicht mehr stören wollte, ging sie selber in die Stadt und holte einen Zimmermann und erklärte ihren Wunsch.

– Weißt du, lieber Zimmermann, die Tür hat nur einen Schloss. Das beunruhigt mich. Ich werde mich nicht sicher fühlen. Bitte, mache für mich eine feste Tür, mit möglichst vielen Schlösser. Sodass ich mich sicher fühle! Ich bezahle Dir zweimal so viel, wie die Tür wert ist!
– Das müssen Sie nicht machen, Ihre Hohheit. Ich meistere Ihnen die beste Tür, besser, als Sie sich die vorstellen können! Machen Sie Sich keine Sorgen.
– Vielen Dank, lieber Zimmermann. Fertigen Sie bitte aber jeweils zwei Schlüssel für jeden Schloss an!
– Wie Sie wünschen, Ihre Hoheit!

Ein paar Tage später war die neue Tür ferig und der Zimmermann brachte sie an. Die Burg war sicherer und so fühlte sich auch die Prinzessin. Sie brachtge auch sofort die neuen Schlüssel ihren Eltern – sie waren ja die Einzigen außer ihr, die den Zugang zu der Burg haben sollten.

Die nächste Zeit verbrachte die Prinzessin einsam am Lesen,  Schreiben, Denken und Träumen. Und das machte sie glücklich. Die Stille, die Ruhe, die Einsamkeit – das brauchte sie so sehr und das war gleichzeitig das Einzige, was ihre Eltern ihr nicht geben konnten. Deshalb hatte sie sich dies selber geholt und eine tiefe Lücke in ihren Leben war erfüllt worden. In ihrer Burg konnte sie nach ihrem eigenen Rhytmus leben. Sie saß oft bis in die tiefe Nacht beim leichten Kerzenlicht und las oder schrieb. So entstanden zahlreiche Geschichten und die Prinzessin fing sogar eine Novelle an. Dann schlief sie an jedem Morgen wieder aus und niemand konnte sie wieder wecken – weder ihre Geschiwister, noch die Diener oder Eltern. Es war wie in einem Traum.

Doch eines Tages – genauer gesagt, eines Morgens – wachte sie plötzlich auf. Sie wusste selber nicht, wieso. Erst nach ein paar Sekunden war ihr klar geworden, das war ein Geräusch. Ein ziemlich lauter Geräusch. Sie bekam Angst – wer soll das denn sein, wenn sie alleine in der Burg wohnt…? Sie ging ganz vorsichtig an die Tür ihres Schlafgemachs und in diesem Moment wurde die Tür heftig geöffnet und vor den Augen der Prinzessin erschienen ihre Zwei jüngere Schwestern.

– Schwesterherz! – riefen die beiden – wir vermissen dich so!
– Das ist lieb von euch – erwiderte die Prinzessin – aber ihr hättet mich benachrichtigen können, dass ihr kommen wollt.
– Steif wie immer! – schrie die jüngste Schwester – Freust du dich nicht, dass dich endlich jemand besucht?
– Doch, schon…
– Die Eltern machen sich Sorgen um dich. Sie wissen nur, dass du lebst, weil sie jede Nacht das Licht in deinen Fenstern sehen, wenn sie vorbeilaufen. Warum hast du sie noch nicht zu dir eingeladen? Und uns? Warum hast du dich verschlossen?
– Ich… Moment mal! Verschlossen! Wie seid ihr hereingegangen?
– Du hast den Eltern doch Schlüssel gegeben…?
– Und sie haben die euch einfach so gegeben?
– Also… sie wissen noch nichts von unserem Besuch. Sonst hätten sie wahrscheinlich mitkommen wollen. Sie hätten uns wahrscheinlich die Schlüssel nicht gegeben… Und wir wollten auch dir eine Überraschung machen!
– Das ist euch allerdings gelungen…
– Siehste! Aber du hast unsere Frage nicht beantwortet – was ist bloß los mit dir?
– Ich brauche Ruhe und Zeit zum…
– Ja…?
– Arbeiten.
– Arbeiten…?
– Ja, Arbeiten.
– Was arbeitest du denn?
– Nichts, was dich interessieren sollte – sagte die Prinzessin lächelnd, indem sie die Nase der jüngsten Schwester leicht berührt hat.
– Du kommst jetzt mit uns! Nach Hause! Die Eltern werden sich freuen!

So besuchte die Prinzessin ihre Eltern und die restlichen Geschwister. Der Familie machte der Besuch eine große Freude und die Prinzessin lächelte breit die ganze Zeit. Doch innerlich war sie wütend – nicht weil sie ihre Familie besucht hatte, sondern weil sie dazu gezwungen war und keine Zeit hatte, sich darauf vorzubereiten. Sie wollte wissen, wie ihre Schestern in den Besitz des Schlüssels zu ihrer Burg gekommen waren. So ging sie zu ihren Eltern und bat um ein vertrauliches Gespräch. Dann erfuhr sie, dass die Schwestern so lange um den Schlüssel gebeten hatten, dass die Eltern ihnen schließlich gesagt hatten, wo sich die Schlüssel befinden. Sie konnten die Aufdringlichkeit  ihrer jüngsten Töchter einfach nicht mehr ertragen. Die Prinzessin zeigte ihren Wut nicht, weil sie die Eltern gut verstanden hatte. Trotzdem konnte sie das den Eltern nicht verzeihen. Aber sie wollte nicht, dass die Eltern das sehen – sie waren zu gute Menschen und hatten ihren Respekt voll verdient.

Am nächsten Tag musste die Prinzessin lange ausschlafen. Die Kontakte mit Menschen – auch, wenn das die nächste Familie war – machten sie müde, unbeschreiblich müde. Sie wachte auf und hatte einen Plan. Sie ging wieder zum Zimmermann.
– Guten Tag, lieber Zimmermann. Wie geht es Ihnen?
– Guten Tag, sehr gut, gnädige Prinzessin. Was kann ich für Sie tun?
– Es geht um die Tür meiner Burg.
– Ist die kaputt? Ich versichere Ihnen, ich habe mir die größte Mühe gegeben, eine feste Tür anzufertigen!
– Nein, mit der Tür ist alles in Ordnung. Es geht um die Schlösser darin.
– Die hat unser Schlosser gemacht. Ist was mit denen?
– Nein, die Sache ist, ich wollte, dass meine Eltern auch Schlüssel dazu haben. Das hat aber nicht funktioniert, weil sie die Schlüssel auch meiner Geschwister geben, ohne mich darüber zu benachrichtigen. Das gefällt mir nicht und ich möchte einfach neue Schlösser in der Tür. Zu der nur ich die Schlüssel haben werde.
– Verzeihen Sie, gnädige Prinzessin, ist das aber nicht übertrieben?
– Vielleicht. Aber ich halte den Gedanken nicht aus, dass ich nicht ganz kontrollieren kann, wer in meiner Burg ist.
– Und wenn Ihnen etwas passiert…?
– Dann werde ich mir selber helfen müssen. Und wenn der liebe Gott mich bei sich haben möchte, kann niemand was dafür, nicht wahr?
– Da gebe ich Ihnen recht. Gut, ich rede mit dem Schlosser. Bald wird Ihr Wunsch erfüllt.
– Vielen Dank, lieber Zimmermann!

In kurzer Zeit wurde der Wunsch der Prinzessin tatsächlich erfüllt. Sie bekam sogar mehr, als sie wollte – der Zimmermann hatte nämlich eine ganz neue, noch festere Tür für sie angefertigt und der Schlosser machte noch festere Schlösser. So konnte sich die Prinzessin echt sicher fühlen und wusste, dass jetzt wirklich niemand in ihre Burg kommt, ohne dass sie es erfährt.

Das war eine große und unangenehme Überraschung für ihre Eltern. Eines Sonntags beschlossen sie nämlich, nach einem langen Spaziergang ihre älteste Tochter zu besuchen und sich bei ihr ein wenig zu erholen – der Weg zu ihrem eingenen Schloss war noch ziemlich weit und sie waren erschöpft nach dem langen Wandern im Wald. Sie kamen zu ihr und bemerkten sofort, dass ihre Schlüssel zu den Schlössern nicht passen. Zuerst staunten sie darüber, dann klopfte der König richtig gewaltig an die Tür.

– Beruhige dich, mein Lieber! – sagte entschlossen die Königin.
– Wie soll ich jetzt ruhig sein? Unsere Tochter hat uns einen sehr gemeinen Streich gespielt! – erwiderte der wütende König.
– Das ist doch bestimmt kein Streich! Sie hatte bestimmt ihre Gründe! – sagte die Königin, die jetzt selber aufgeregt war.

Die Prinzessin kam so schnell wie möglich und machte ihren Eltern die Tür auf.

– Guten Tag, liebe Eltern! Schön, dass ihr da seid!
– Wie bitte? Das sagst du einfach so? Du erklärst mich jetzt gleich dein Benehmen! – brüllte fast der König.
– Aber ruhig! – rief sofort die Königin.
– Nein, ich werde nicht ruhig, bis ich erklärt bekomme, warum mich meine eigene Tochter wie einen Fremden behandelt!
– Lieber Vater, ich möchte aber auch, dass du dich zuerst beruhigst. Die Nerven machen in diesem Moment keinen Sinn.
– Du wirst mir nicht sagen, wie ich mich zu benehmen habe! Was soll das heißen? – rief der König.
– Beruhige dich zuerst, Vater.
– Ich kann nicht glauben, dass du so frech geworden bist! – der König drehte sich um und ging weg.
– Verzeih ihm, liebe Tochter. Wir hatten einen langen Spaziergang gemacht und sind danach erschöpft. Dein Vater hoffte bestimmt, dass es sich gleich erholt…
– Ich bin ihm doch nicht böse, liebe Mutter. Ich dachte aber auch nicht, dass er sich so aufregen wird.
– Er wird älter und viele Sachen nerven ihn – viel mehr als noch vor ein paar Jahren…
– Kommst du herein?

Die Königin und die Prinzessin setzten sich im Gästeraum und begannen zu reden. Die Tochter erklärte ihrer Mutter, was und warum sie getan hatte. Die Königin zeigte wie immer ein großes Verständnis und entschuldigte sich dafür, dass sie der jüngsten Töchtern gesagt hatte, wo die Schlüssel sind. Die Prinzessin war jedoch ihren Eltern nicht mehr böse. Stattdessen machte sie sich Sorgen um die Reaktion ihres Vaters, aber sie ließ sich auch nicht unterbuttern – sie wusste, dass sie das Recht darauf hatte, neue Schlösser einbauen zu lassen. Schließlich sagte sie schon ganz am Anfang – sie möchte ihre eigene Burg haben, um ihre Ruhe zu haben und sich voll ihrer Arbeit zu widmen. Es sollte eigentlich nicht dazu kommen, dass irgendwer, ohne ihr Bescheid zu geben, einfach hereinkommt. Die Zusatzschlüssal gab sie ihren Eltern nur für alle Fälle. Das wusste auch die Königin und respektierte die Entscheidung ihrer Tochter. Sie machte sie auch darauf aufmerksam, dass sie sich jetzt größere Sorgen machen wird, aber die Prinzessin versicherte ihre Mutter, dass es nicht nötig sei. Und die Königin glaubte ihr.

Es vergangen weitere Tage, Wochen, Monaten. Am Anfang besuchte die Prinzessin ihre Eltern, aber je kälter und windiger es wurde, desto häufiger verzichtete sie auf die Besuche. Sie mochte nämlich den Winter nicht. Am liebsten würde sie in einen tiefen Schlaf fallen, ja Winterschlaf sogar – und erst dann aufwachen, wenn die Sonnte genug stark scheinen würde, dass die Blumen zu wachsen anfangen.
In dieser Zeit las die Prinzesin sehr viel – ihre Lieblingsgeschichten sogar mehrmals – und schrieb auch viele eigene Texte. Die meisten von ihnen verbrannte sie aber im Kamin , weil sie nach dem wiederholten Lesen sie nicht mehr gut fand. Das Problem war, die meisten Texte entstanden aus Langeweile – und nicht wegen guter Ideen.

Irgendwann endete endlich der Winter und der Lenz zeigte ganz langsam und allmählich sein buntes Antlitz. Die Sonnenstrahlen beleuchteten immer öfter die immer fröhlicheren Gesichter. Unter der jüngeren Generation des Volkes im Königreich wachten zusammen mit dem Frühling neue Gefühle auf. Auf den Wiesen waren oft junge Paare zu sehen, von denen jeder wusste, sie selber aber versuchten ständig mit einer für diesen Alter typischen Schüchternheit ihre Gefühle nicht preiszugeben.

Das ganze Königreich wusste mittlerweile von der Prinzessin und ihrer Burg. Jedem war bekannt, dass sie dort alleine lebte und dass sich ihre Eltern einen guten und entsprechenden Mann für sie wünschten. Niemand kannte aber die Einstellung der Prinzessin selbst dazu – nicht mal das königliche Paar. Von der immer noch nicht bemannten Prinzessin erfuhren auch die Völker der benachbarten Dörfer. So kam es dazu, dass viele Ritter daran interessiert waren, um die Hand der jungen, schönen und klugen Prinzessin zu freien und sich somit in die königliche Familie einzuheiraten. Unter den edlen Männern fing ein richtiger Wettbewerb an; jeder wollte der Sieger sein und die Prinzessin zur Frau zu haben. Das königliche Paar bekam alles mit, tat aber nichts dagegen. Sie freuten sich, dass so viele Männer um die Hand ihrer Tochter werben wollten – sie waren sicher, dass die Prinzessin sich für einen entscheiden und endlich heiraten wird, auch wenn sie mit ihr darüber nicht gesprochen hatten.

Im Gegensatz zu ihrer Eltern, bekam die Prinzessin nichts mit. Die Außenwelt interessierte sie überhaupt nicht mehr. Nicht mal der Frühling konnte ihre gute Laune wecken. Sie war seit Monaten nicht mehr draußen und wollte das auch nicht. Sie hatte keine Ahnung, wie viele Ritter an ihr interessiert waren. Ihre Person und ihre Geschichte waren zu einer Art Legende, ja zu einem Mythos geworden. Obwohl sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen wurde, hielten alle sie für eine unbeschreibbare Schöheit. In Wirklichkeit aber hörte die Prinzessin auf, sich um ihr Äußeres zu kümmern. In der letzten Zeit schrieb und las sie gar nichts mehr. Sie hatte keine Lust auf irgendetwas. Das einzige, was sie wollte, war die Ruhe.

Unter ihrer Burg standen oft viele Ritter und riefen zu ihr in der Hoffnung, endlich eine Antwort oder mindestens ein Zeichen von ihrem Interesse zu bekommen. Aber sie erhielten gar nichts. Die eifrigsten standen stundenlang vor ihrer festen Tür, rezitierten die schönsten Gedichte und sangen die berührendsten Liebeslieder. Das brachte aber gar nichts. Keine Antwort.

So vergingen einige Wochen, dann Monate, bis es wieder kälter wurde. Das königliche Paar beschloss einmal, seine Tochter zu besuchen und ein langes, ernstes Gespräch mit ihr zu führen, denn sie verstanden sie nicht mehr. Sie begannen sogar zu bereuen, dass sie diese Burg bauen ließen. Eines Tages gingen sie zu ihrer Tochter und schon an der Tür waren sie erstaunt – die feste Tür, um die sich der König so heftig stritt, war jetzt voll mit Unkraut bewachsen. Da der Winter vor der Tür stand, war es viel leichter, die unerwünschten Pflanzen zu beseitigen. Die Tür hatte den ganzen Sommer und Herbst geschlossen sein müssen. An diesem Moment waren der König und die Königin entsetz geworden und fingen gewaltig an die Tür zu klopfen an. Dabei schrieen sie laut den Namen der Prinzessin. Wenn ihr etwas passiert ist? Wenn sie – Gott bewahre! – gestorben war und sie bekamen nichts mit? Das königliche Paar wurde immer hysterischer. Doch dann fiel plötzlich von einem der oberen Fenster ein kleiner Gegenstand – ein hölzerner Löffel. Um ihn herum war ein Brief gewickelt. Die Königin beugte sich langsam und nahm den Brief. Sie wurde ein wenig ruhiger – das war immer noch eine Antwort. Sie las den Brief vor.

Verzeiht mir bitte. Ich bin erkrankt und möchte Euch nicht anstecken. Ich habe unter anderem starke Halsschmerzen, konnte Euch also nicht anders antworten. Ich werde Euch besuchen, wenn ich genese.

Diese kurze Nachricht brachte eine große Erleichterung dem königlichen Paar, obwohl ihre Tochter krank war. Aber sie lebte und konnte schreiben, es passierte also nichts Schlimmes. Nur eine Erkältung, nichts Ungewöhnliches.
Sie liefen dann schnell zum königlichen Medikus und berichteten von ihrer ältesten Tochter, zeigten ihren Brief und baten um Zubereitung einer Heilmixtur. Der Medikus machte es schleunigst – er war nämlich für solche Fälle immer vorbereitet. Die Königin nahm die Mixtur und ging zur Burg der Prinzessin. Sie ließ die kleine Flasche unter ihrer Tür, klopfte stark und rief:

– Liebe Tochter, ich habe eine Mixtur für dich zubereiten lassen! Ich lasse sie unter deiner Tür. Ich wünsche dir eine gute Besserung und komm zu uns, sobald du gesund bist!

Als antwort fiel ein zerknitterter Zettel herunter. Die Königin faltete ihn auf – darauf stand nur ‚DANKE‘, aber das reichte ihr. Sie wollte ihre kranke Tochter nicht stören.

 In Wirklichkeit war aber die Prinzessin gar nicht krank. Sie wollte einfach nicht aufmachen – nicht mal ihren Eltern. Sie wollte alleine sein, ganz alleine. Alleine mit ihren Gedanken, Träumen, Ideen… einfach alleine in ihrer idealen, imaginären Welt…

Es vergingen weitere Wochen. Die Prinzessin besuchte ihre Eltern immer noch nicht. Sie schrieb ihnen nur ab und zu Briefe, in denen sie bat, zu ihr nicht mehr zu kommen, weil sie bald selber kommen wird. Doch das tat sie nicht und ließ sich ständig irgenwelche Rechtfertigungen einfallen. Da es wieder Winter war, fiel es ihr leicht, die Schuld dem Wetter zuzuschieben.

Dieser Winter erwies sich als gnadenlos. In diesem Jahr brach nämlich eine schwere Grippe-Epidemie aus. Sowohl der königliche Medikus, als auch alle andere im Königreich schafften es nicht, das ganze Volk zu versorgen. Von der Krankheit wurde die königliche Familie nicht verschont. Doch nach der Grundversorgung ließ das königliche Paar die Medizi zum Volk zu gehen und sich um sie zu kümmern. Dafür waren der König und die Königin berühmt und verehrt – das Volk ging immer vor. Und diese Gütigkeit bezahlten sie mit ihrer eigenen Gesundheit. Ihr Zustand wurde immer schlechter. Die Gesunden unter ihren Kindern hatten sich um sie gekümmert, da die Medizi ständig im Volk beschäftigt waren. Die Geschwister schrieben ihrer ältesten Schwester, wie der Zustand ihrer Eltern aussah. Doch sogar dann ist die Prinzessin nicht gekommen. Die königliche Familie nahm an, dass die älteste Tochter selber erkrankt war – und so musste sie sich nicht mal rechtfertigen. Eines Morgens hatte aber eine der jüngeren Prinzessinen eine schreckliche Entdeckung gemacht – ihre Eltern lagen ruhig im Bett, ganz still und bewegten sich nicht. Sie hatten nicht mal geatmet. In der Nacht waren beide gestorben gewesen.

Die Nachricht von dem Tod des königlichen Paares infolge schwerer Krankheit brachte eine große Trauer mit sich. Das ganze Königreich bedauerte den Tod des beliebtesten könniglichen Paares aller Zeiten. Nach einer schönen und ehrenvollen Bestattung und Trauerfeier kam die Zeit, dass die älteste Tochter den Thron besteigt. Sie wurde jedoch seit einer sehr langer Zeit von niemandem gesehen. Sie schrieb auch an niemanden mehr. Allen war aber ihre Verbundenheit mit ihren Eltern bekannt. Da sie kein weiteres Lebenszeichen gegeben hatte, nahm das Volk an, dass sie aus Trauer und Verzweiflung einfach abgehauen war und sich wahrscheinlich das Leben genommen hatte. Deshalb wurde das zweite Kind des Königpaares – der äleste Sohn – zum Thronfolger und mit ihm verband das Volk seine Hoffnungen, dass das Königreich weiter so gut regiert wird, wie von seinen Eltern.

Die Prinzessin war aber nicht abgehauen. Sie lebte immer noch in ihrer Burg, obwohl die von außen wie verlassen aussah. Sie bekam den Tod ihrer Eltern mit und dies erschütterte sie zutiefst. Sie war tatsächlich sehr traurig und verzweifelt, doch sie nahm sich das Leben nicht. Sie tat gar nichts mehr. Sie schrieb nichts mehr, sie las nichts mehr, sie bewegte sich noch kaum. Wie ihr Körper eigentlich noch funktionierte, war sogar ihr selber ein Rätsel. Sie nahm fast gar nichts mehr zu sich, sie trank sehr wenig Wasser. Die physiologischen Bedürfnisse spürte sie noch kaum. Und da alle dachten, dass sie gestorben war, kam niemand mehr in die Nähe ihrer Burg, nicht einmal ihre Geschwister. Niemand interessierte sich dafür und man ließ das Gebäude einfach verfallen. Nach den Freiern der Prinzessin blieb auch keine Spur mehr.

 Das Königreich wurde problemlos von dem ältesten Prinzen – jetzt dem neuen König – regiert. Er hatte die Tochter eines der edelsten Ritters geheiratet und hatte mit ihr mehrere Kinder – so, wie seine Eltern. Wenn er nur Hilfe brauchte, standen ihm seine jüngeren Geschwister immer zur Seite. Das Volk war glücklich, dass sie wieder einen guten Herrscher haben. Über die älteste Prinzessin sprach man gar nicht mehr.

Die lebte noch einige Zeit in ihrer Burg. Wie lange? Das war nicht bekannt. Sie konnte schließlich den Tag von der Nacht nicht mehr unterscheiden. Sie hatte selber keine Ahnung, wie lange sie noch nach dem Tod ihrer Eltern lebte. Sie tat nichts mehr. Sie lag einfach in ihrem Bett. Geschlossen und von allen separiert. Alle ihre Bücher, Texte und Papiere waren verfallen oder im Kamin verbrannt. Sie lag nur, ohne einzige Bewegung, bis sie eines Nachts einfach eingeschlafen ist und nie wieder aufwachte. Sie starb jedoch mit einem leichten Lächeln auf ihrem Gesicht – zufrieden, in ihrer geliebten Ruhe, in ihrer idealen, imaginären Welt. Sie lebte vergnügt bis an ihr Ende…

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