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17. März 2013 / Dagmar Grace Reder

Beim Arzt

– Na, wie geht es Ihnen, Frau Schal?
– Gut… einigermaßen…
– Wie vertragen Sie Ihre Medikamente? Irgendwelche Nebenwirkungen?
– Gut… ja, ich muss nur aufpassen, die tägliche Dosis nicht zu vergessen, sonst blitzt es…
– WAS?
– Ich sage immer so… Sie wissen schon, als würden durch meinen Gehirn elektrische Strömungen fließen.
– Ach, das. Die sogenannten Brain Zaps.  Ja, das kann vorkommen, es ist völlig normal, obwohl wir den genauen Grund auch nicht wissen.
– Die Sache ist… das bringt nichts…
– Ist das Ihr Ernst? Sie nehmen doch die maximale Dosis! Mehr geht gar nicht. Das muss doch helfen!
– Tja, die allgemeine Stimmung ist in Ordnung…
– Also das Medikament wirkt.
– …aber ich erlebe immer wieder die Attacken.
– Damit müssen wir ja rechnen.
– Ich dachte, die Medikamente sind eben dazu da, um gegen die Attacken zu wirken.
– Allerdings. Wir brauchen wahrscheinlich mehr Zeit. Aber… Sie besuchen eine Therapie, oder?
– Nein…
– Sie haben mir doch versprochen, einen entsprechenden Therapist zu suchen!
– Ich kann einfach nicht mehr!
– Wenn das jeder sagen würde… bliebe kein Mensch auf der Erde – alle hätten Selbstmord begangen.
– Je mehr Selbstmörder, desto weniger Selbstmörder – murmelte sie eher zu sich selber, als zu dem Arzt – Warum verstehen Sie mich nicht? Ich hab einfach keine Kraft mehr, einen GUTEN, ich wiederhole – GUTEN Therapist zu finden. Immer wieder diese Enttäuschungen, das bringt nur eine Verschlechterung mit sich!
– Und warum wollen Sie nicht verstehen, dass es zuerst einfach schlechter werden MUSS, damit eine deutliche Verbesserung kommt?

Das machte keinen Sinn mehr und sie wusste es. Jedes mal sprach sie so mit dem Arzt. Dabei sagte sie nie die ganze Wahrheit. Sie hat nicht so intensiv gesucht, wie sie erzählt hat. Aber eines stimmte – sie hatte keine Kraft dazu. Von Anfang an.

– Gibt es keinen anderen Ausweg…? – fragte sie leise.
– Leider nicht. Die Tabletten können Ihnen helfen, die Symptome zu beseitigen. Aber solange die Ursache bleibt, werden die Symptome immer wieder zurückkommen.

Sie spürte eine warme Nässe auf ihren Wangen. Das war nicht das erste mal, dass sie bei ihrem Arzt weinte. Aber er schaute sie nicht an. Sie nahm einen Taschentuch heraus und wischte ihre Tränen und putzte die Nase. Sie wollte keine Therapie. Sie wollte die alten Wunden nicht wieder aufmachen. Sie sagte dies dem Arzt schon mehrmals, aber er sagte immer wieder:

– Ich benutze eine – hoffentlich – entsprechende Metapher für sie, wenn sie die so mögen. Sie sagen, sie wollen die alten Wunden nicht aufmachen. Aber die müssen aufgemacht werden, weil sie voller Eiter und Bakterien sind. Sie brauchen einen Chirurg, der diese Wunden aunschneidet, genau reinigt und dann wieder verschließt. Ja, das wird wehtun, der Schnitt, die Reinigung und das Nähen. Aber erst dann wird die Wunde echt heilen. Es bleibt eine Narbe, klar. Damit werden sie leben müssen. Aber sie werden es auch können! Und erst dann werden sie die Narbe nicht mehr aufmachen sollen. Jetzt müssen sie das aber. Lassen sie den Eiter und die Bakterien aus Ihnen loswerden!

Sie hatte so viel Angst davor. Wie ein Patient, der ohne Narkose operiert werden müsste. Sie hat in ihrem doch kurzen Leben schon so viel gelitten…

– Vielleicht sind nur zu viele unentsprechende Menschen um mich herum? – fragte sie mit Hoffnung in ihrer Stimme – Vielleicht, wenn ich einen richtigen Partner oder gute Freunde finde…  – aber der Arzt unterbrach sie.
– Frau Schal, die, wie sie gesagt haben, „unentsprechenden“ Menschen wird es immer wieder geben und dagegen kann man nichts tun. Sie können sich ja nicht von der ganzen Welt verschließen. Sie sollen und müssen weiter leben. Und sie werden die ganze Zeit verschiedene Leute treffen und mit jedem  muss man umgehen können. Ich wünsche Ihnen natürlich auch, dass sie einen guten Partner finden. Aber sie dürfen nicht alle Hoffnungen mit ihm verbinden. Ich versichere Sie, es wird NICHT so sein, dass jemand kommt und sie von ihren Sorgen befreit. Das können nur Sie machen. Sonst wird keine Beziehung durchhalten. Erst wenn Sie sich selber helfen, werden Sie bereit sein, mit einem anderen Menschen zu sein.

Ja ja, das wusste sie. Sie bekam das ziemlich oft gesagt, doch sie zählte innerlich auf ein Wunder, obwohl sie sich ganz bewusst war, dass es unmöglich war. Dass ihr Traum nie in Erfüllung geht. Ein Traum, der sie glücklich machen konnte, aber andererseits brachte er große Sorgen mit sich.

– Gut… also… kann ich noch etwas gegen die Attacken machen…?
– Tja… bei Bedarf nehmen Sie immer noch Lorazepam. Sie können ruhig zwei Tabletten auf einmal nehmen, wenn Sie spüren, dass eine nicht reicht. Sonst wiederhole ich noch einmal: THERAPIE!
– Gut… danke…
– Brauchen Sie ein Rezept, oder haben Sie noch Tabletten?
– Nee, brauch ich nicht. Ich hab noch genug.
– OK, vielen Dank, Frau Schal. Ich wünsche Ihnen alles Gute und denken Sie bitte an Sich selbst und Ihre Gesundheit, OK?
– OK.
– Auf Wiedersehen!
– Tschüss!

Ellie saß im Wartezimmer und las in einer Illustrierten, die da lag. Sie hörte die Schritte ihrer Freundin, hob ihren Kopf und lächelte sie an.
– Na, was sagte er?
– Nichts Neues – sagte sie, indem sie ihre Jacke anzog.
– Aber… Kann man nichts gegen diese Attacken machen? Wieso?
– Vielleicht braucht das Medikament ein bisschen länger, um bei mir effektiv zu wirken. Und bei Bedarf kann ich zwei Tabletten Lorazepam annehmen.
– Mhm. Naja, wenn der Arzt so sagt… aber jetzt Kopf hoch! Wir gehen Eis essen! – Ellie grinste.

Sie erzählte Ellie nicht, dass sie zu einer Therapie gehen soll. Sie wusste, dass ihre Freundin sofort mehrere Termine für sie ausmachen und sie zwingen würde, bei mehreren Therapisten zu versuchen. Das würde sie nicht aushalten und vielleicht würde sie noch etwas ihrer Freundin antun – und das wollte sie nicht. Auf keinen Fall. Sie liebte Ellie von ganzem Herzen.

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