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28. März 2013 / Dagmar Grace Reder

Im Eiscafé

– Ich hasse die Menschen – murmelte sie über ihrem Eisbecher.
– Was? Warum sagst du das gerade jetzt? – fragte Ellie, aber sie war nicht überrascht.
– Überall voll…
– Wir leben ja in einer großen Stadt…
– Ja, ich weiß. Aber es ist ein normaler Arbeitstag. Wieso sind so viele jetzt in der Stadt? Die sollen arbeiten…
– Wir auch.
– Heute haben wir ausnahmsweise frei.
– Sie vielleicht auch.
– Warum hälst du eigentlich ihre Seite?
– Ich bin nur objektiv.
– Nimm hin und zu – sagte sie und beschenkte Ellie mit so einem Lächeln, das nur sie kannte.

Ja, die beiden kannten das Problem sehr wohl. Ihr Hass gegenüber Menschen ergab sich aus einer einfachen Tatsache – sie hatte Angst vor denen. Vor den Menschenmassen sowie vor jedem einzelnen Menschen. Diese Angst war dabei irrational, denn sie wusste, dass keiner ihr etwas antun will. Trotzdem, sie spürte immer dieses kalte, stechende Gefühl, wenn nur jemand – fremd oder bekannt – einen Blick auf sie warf. Deshalb mochte sie auch kaum jemanden. Sie war abstoßend, unhöflich und manchmal einfach gemein. Viele haben dies als ein Zeichen der Feindlichkeit verstanden und wollten sie gar nicht näher kennen lernen, aber sie wünschte sich dies auch nicht. Nur Ellie, ihre beste Freundin, die liebe Ellie, sie hat schnell erkannt, woran das liegt. Ellie hatte Erfahrung mit solchen Problemen. Sie hatte eine ältere Schwester gehabt, die unter ähnlichen Symptomen litt. Leider hatte Ellie damals noch keine Erfahrung und wusste nicht, warum sich ihre Schwester so verhielt. Warum sie im Badezimmer ständig mit Blut befleckte Rasierklingen fand und warum sich ihre Schwester diese Wunden hineinschnitt. Sie hat versucht, mit ihrer Schwester zu reden, das brachte aber nichts. >>Lass mich in Ruhe<< und >>Du kannst mich nicht verstehen, du Rotznase<< hat sie immer Ellie angeschrieen (Ellie war drei Jahre jünger als ihre Schwester). Ellie versuchte, mit ihren Eltern zu sprechen, aber sie waren berufstätige, sehr beschäftigte Menschen, die ihren Töchtern nur das Beste sichern wollten. Sie waren ständig in der Arbeit und die kurze Zeit zu Hause hatten sie an der Erholung verbracht. Ellie hatte auch bei Großeltern und einigen Lehrern versucht. Die meinten aber, dass viele Teenager sich so verhalten, Ellie solle sich keine Sorgen machen, es kommt von alleine weg. Wahrscheinlich habe sich ihre Schwester unglücklich verliebt, sagten die Erwachsenen. Und Ellie glaubte das.
Sie hatte weiter versucht, mit ihrer Schwester zu reden, aber die wollte es nicht. Niemand außer Ellie war auf die ältere Schwester aufmerksam. Aber Ellie wollte die Schwester von ihren Problemen nicht erzählen. Sie konnte das nicht, weil sie das nie gelernt hat. Sie musste mit ihren Problemen immer selber klarkommen. Doch irgendwann konnte sie das nicht mehr. Irgendwann hatte sie genug davon. Sie wartete und hoffte auf Hilfe, die nie kam. Es war schließlich zu spät.

Ellie hatte ihre tote Schwester im Badezimmer entdeckt. Diesen Blick wird sie niemals vergessen. Ihre Schwester in der Badewanne, voll mit Wasser und Blut. Sie schnitt sich ihre Venen auf. Ihr Gesicht war blass, nein es war ganz weiß. So wie ihre Augen – die Pupillen waren hoch unter Lidern versteckt. Das Wasser und der Leichnam ihrer Schwester waren ganz kalt. Ellie hatte keine Ahnung, wie lange ihre Schwester dort lag. Sie selber war erst vor kurzer Zeit von einer Schulfreundin zurückgekommen. Aber die Eltern waren da. Sie saßen im Wohnzimmer und hatten was vor dem Fernsehen geknabbert. Sie haben nichts bemerkt. So wie in den langen Monaten und Jahren, als Ellies Schwester gelitten hat. Und auch Ellie hatte sie gefunden. So laut hatte sie noch nie geschrieen. Und dann brach sie in Tränen aus. Ihre Eltern haben zunächst so reagiert, als hätte Ellie im Badezimmer eine Spinne gesehen. Erst, als sie laut rief >>Tot! Meine Schwester ist tot!<< hob sich die Mutter, der Vater glaubte es nicht. Erst nachdem seine Frau auch laut schie, kam er schnell zu seinen Frauen. Sie standen vor diesem tragischen Bild wie gelähmt einige Minuten lang, die für Ellie eine Ewigkeit waren. Erst dann reagierte der Vater – er brachte seine Frau und die lebende Tochter zurück ins Wohnzimmer und rief den Notdienst. Das war die längste Nacht in Ellies Leben. All diese Fragen, von Ärzten, Polizisten, Psychologen – denn nur sie hatte irgendeinen Kontakt zu ihrer Schwester. Ihre Eltern konnten fast keine Fragen beantworten.

Die nächsten Tage verbrachte Ellie zu Hause, weil sie nicht imstande war, aufzustehen und ihre Eltern hatten nichts dagegen, dass sie einige Tage im Bett verbringt. Der Tod der ältesten Tochter dieser Familie war ein Schock für alle , obwohl Ellie versuchte, sie zu warnen. Während der Bestattung, die an einem regnerischen Tag stattfand und niemand die Tränen von Regentropfen auf Ellies Gesicht unterscheiden konnte, versprach sich Ellie, nie wieder jemanden sterben zu lassen und immer alle Maßnahmen zu ergreifen, um zu helfen. Falls sie etwas bemerken oder etwas Ähnliches erleben soll, jemanden mir gleichen Problemen kennen lernen soll, schwörte sie dem lieben Gott, alles Mögliche zu unternehmen, um den Tod der Person zu vermeiden. Denn diese Person ist dank dem Tod frei von allen Sorgen, aber auf der Erde bleiben noch andere. Auch, wenn der Selbstmörder daran nicht glaubt, gibt es jemanden, der seinen Tod nur schwer verkraften kann. Die ältere Schwester wusste bestimmt nicht, was für ein Erlebnis ihr Tod für Ellie war. Und die meisten Selbstmörder wissen ganz gewiss nicht, welchen Schmerz ihr Tod bringen kann – auch, wenn sie daran nicht glauben können.

Sie kannte Ellies Geschichte. Die beiden kannten sich so gut, dass sie alles voneinander wussten. Sie verbrachten lange Stunden, meistens in der Nacht, und erzählten sich alles – ihre ganze Lebensgeschichten. Deshalb waren sie sich näher, als Schwestern. Ihre Seelen waren nicht verwandt – ihre Seelen waren in Wirklichkeit EINE Seele.
Deshalb war sie ihrer besten Freundin auch so dankbar, dass sie so stark war und dass sie sich die Mühe gegeben hat, sie kennen zu lernen. Ellie war die Erste seit langer, ja sehr langer Zeit, die sie nicht abgewiesen hatte. Ellie wusste, dass es einen Grund gibt, warum ihre Freundin so war und nicht anders. Jeder Mensch hat eigene Geschichte und einen Rucksack voller verschiedener Erfahrungen, die die Persönlichkeit eines Menschen bilden. Und es kommt sehr selten vor, dass ein Mensch sofort beim Kennen Lernen sein echtes Antlitz zeigt. Besonders, wenn jemand so viel gelitten hat. Und so ein Mensch war Ellies beste Freundin. Als die beiden sich kennen gelernt haben, erkannte Ellie ziemlich schnell, dass die Zeit gekommen ist, ihr Versprechen zu erfüllen.

– Wir werden bald echt fett… – sagte Ellie, indem sie einen großen Löffel Schlagsahne zu sich nahm.
– Gut so – erwiderte sie – so wird sich niemand für uns interessieren. Also, für dich. Und keiner nimmt dich mir weg – bei diesen Worten machte sie große Augen und lächelte ganz breit.
– Ich liebe diesen Gesichtsausdruck bei dir – lachte Ellie – du siehst noch wahnsinniger aus, als du sowieso schon bist. – die beiden lachten. – Aber wenn sich einer findet, wird er eine ziemlich schwierige Aufgabe haben. Ich weiß nicht, ob ich jemanden so lieben kann, wie dich.
– Jetzt sagst du so. Aber wenn du einen – ‚tschuldigung, den entsprechenden – kennen lernst, sagst du ziemlich schnell was anderes.
– Bestimmt nicht. Nicht nach diesen Idioten von früher – den letzten Satz murmelte Ellie leise.
– Zumindest gab es diese Idioten.
– Sag sowas nicht. Du würdest eh mit keinem aushalten.
– Und keiner mit mir.
– Auch.
– Wie schaffst du das denn?
– Wie viel mal wirst du mich noch das fragen?
– Wahrscheinlich so lange, bis ich tot bin. Dann komme ich als Geist in deinen Träumen zu dir und frage das weiter – sie lächelte breit, nahm Ellies Hand und küsste die.
– Komm, wir nehmen Kaffee mit und gehen eine rauchen.
– Sehr gerne.

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