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22. April 2013 / Dagmar Grace Reder

Das Ende

Ich mache die Augen zu…

Die Sonne geht unter. Die angenehm warmen Strahlen beleuchten mein Gesicht. Ich laufe einen selten betretenen Pfad an einem See entlang. Ich träume vom Meer. Ich denke an das Unendliche… Das ewige Wasser, sein Rauschen, seine Wellen und seine wunderbare Wirkung. Die salzige Luft. Ich spüre einen leichten Wind auf meinem Gesicht und stelle mir vor, das ist die Meeresbrise, voller Jod, das mein Opium ist. Die Gewalt der Natur… ich bin ein verwöhnter Stadtmensch, der ohne den ganzen digitalen Kram nicht mehr imstande ist, zu leben und doch sehne ich mich nach der Rückkehr zur Natur. Nach der Rückkehr zur Wahrheit, wo die Geschöpfe Gottes immer echt waren – sogar die Menschen.

Ich träume vom Meer… nein, ich bin jetzt am Meer und erlebe an eigenem Leibe das gewaltige Rauschen des kalten, salzigen Wassers. Ich spüre kalte Tropfen auf meinem Gesicht – es fängt zu regnen an. Ich habe nur ein dünnes Kleid an, das macht mir gar nichts. Die Wellen werden immer größer und lauter. Der Storm. Es weht so stark, dass ich fast umfalle. Doch ich laufe immer weiter, zu dir, Meer, wenn ich heute sterben soll, dann nur in dir! Bitte, töte du mich! Nicht ich selber, nicht ein Unfall, nein! Nur du kannst es tun. Du, das wunderbarste Werk Gottes. Wenn du mich nimmst, das heißt, der liebe Gott ruft mich zu sich.

Meine Füße werden nass, dann die Knien und die Oberschenkel. Das Wasser ist kälter, als ich gedacht habe. In deiner Luft schwebt mein Opium und ich atme tief ein, so tief, wie noch nie in meinem Leben. Meine Hüfte sind auch schon nass. Ich breite meine Arme auf, doch niemand läuft auf mich zu – wie immer. Ich strecke meine Hände vor mich – keiner berührt die Hände. Ich bin hier allein, allein gelassen wie immer. Die verrückte Außenseiterin. Wenn sie meinen Leib morgen oder irgendwann finden, werden sie wahrscheinlich so etwas berichten: eine Verrückte ging beim Sturm spazieren und ist umgekommen.

Aber nein, ich werde nicht umkommen. Das ist unsere Entscheidung – von mir, Gott und Meer. Mein Bauch ist schon kalt und nass. Es wird mir immer kälter, ich atme immer schwerer. Doch ich spüre irgendwie die Erleichterung… Ich werde so leicht, wie noch nie. Das ist das Ende. Ende von jeder Sorge und jedem Schmerz. Es rauscht immer lauter und gewaltiger. Wie angenehm. Ich bleibe kurz stehen, drehe mich um und bewundere die Gewalt der Natur. Möge die Natur irgendwann gewinnen… Ich versuche noch mal die Hand vor mich zu strecken, doch da ist niemand, der meine Hand halten möchte. Ich drehe mich also zurück und gehe weiter. Meine Brüste werden nass und ein wenig kleiner von der Kälte des ewigen Wassers. Ich kann mir jetzt mit meinen Armen helfen, weiterzugehen. Es rauscht nicht mehr, es dröhnt – die beinahe wilden Wellen und der immer stärkere Regen. Die Schiffe auf dem weiten Meer müssen jetzt wirklich in Schwierigkeiten sein.

Es bleibt nur noch mein Kopf über dem Wasser, er ist aber seit längerer Zeit nass – vom Regen und den mittlerweile riesigen Wellen. Ich gehe nicht mehr, ich schwimme weiter, aber ich tu dies ungeschickt wie ein kleines Kind, obwohl ich eigentlich eine gute Schwimmerin bin. Das Meer ist aber jetzt zu stürmisch, der Wind zu stark. Ich mache kurz den Mund auf und gleich sprüre ich den salzigen Geschmack. Den einzigen, den ich akzeptiere und toleriere. Denn Salz an sich mochte ich nie. Aber das Meerwasser schmeckt wunderbar, das heißt also, es hat mir gefehlt. Ein weiteterer Schluck. Und noch einer. Ich verschlucke schon. Und habe keine Kraft mehr, selber mit meinen Armen und Beinen zu bewegen, deshalb lasse ich mich vom Wasser treiben. Ich lege mich auf den Rücken, die kalten Regentropfen fallen mir direkt in die Augen. Ich muss husten und denke danach, ob irgendjemand mein Fehlen bemerkt. Was werden sie sagen, wenn sie meinen Leichnam finden? Werden sie sich Gedanken machen, wo sie Fehler gemacht haben oder was sie hätten tun können? Oder werden sie sagen, dass ich schon immer ein Feigling war? Und sie werden sich freuen, dass es mich nicht mehr gibt…? Zum Glück wird mich das nicht mehr interessieren. Sie mögen sagen, was ihre Herzen begehren.

Der Strom treibt mich immer weiter. Das Meerwasser fällt von oben auf mein Gesicht und ich schlucke sehr viel davon. Die Wellen sind zu groß, das Meer zu gewaltig. Endlich. Gleich kommt der lang ersehente Moment der Befreiung. Es zieht mich nach unten. Ich kann nicht mehr atmen. Es ist mir kalt, mein Kopf tut wahnsinnig weh, als würde er gleich explodieren. Mir ist schwidlich, sehr schwindlich… Ich verliere mein Bewusstsein, aber mit einem Lächeln auf meinem Gesicht. Zumindest sterbe ich so, wie ich wollte…

………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………

– Entschuldigung, wie spät ist es denn?

Ein junger Mann zieht mich plötzlich und gewaltig aus meinen Träumen heraus. Ich mache die Augen auf. Ich bin wütend, lasse mir das aber nicht anmerken und schaue auf meine Armbanduhr.

– Fünf vor acht.
– Danke. Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen!
-Ebenfalls!

Die Sonne ist schon untergegangen, es wird deshalb wieder kälter. Ich drehe mich um und gehe denselben Weg an einem kleinen See entlang – diesmal in Richtung Zuhause.

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