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26. April 2013 / Dagmar Grace Reder

Ein merkwürdiges Treffen

Bip… Bip… Bip…

Ich höre dieses seltsame Geräusch. Es kommt eindeutig von einer Maschine. Aber was für einer Maschine…?

Bip… Bip… Bip…

Ich sehe Lichter über mir. Mehrere leuchtende Kreise, die selber auch einen großen Kreis bilden.

Bip… Bip… Bip…

Ein komisches, maschinelles Geräusch, doch so regelmäßig, wie der Herzschlag…

Bip… Bip… Bip…

Ich kann mich nicht bewegen. Ich bin zu müde, zu erschöpft, um einen Finger zu krümmen, geschweige denn einen Arm zu heben. Aufstehen kann ich nicht. Ich habe keine Kraft.

Bip… Bip… Bip…

Das Geräusch ist irritierend, aber wenn ich darauf nicht mehr aufmerksam bin, sondern nur den Rhythmus spüre, wird es irgendwie schon. Ja, so stört es mich nicht mehr. Jetzt macht es mich schläfrig… jetzt will ich schlafen… ja, ich bin so müde, ich kann mich nicht mal umdrehen, so erschöpft bin ich. Ich falle jetzt in einen tiefen Schlaf.

Bip… Bip… Bip…

***

Ich liege auf dem Boden. Ich kann keine Farben sehen, nur weiß, strahlend weiß. So himmlisch weiß, dass es mich blendet. Ich kann meine Augen kaum öffnen. Ich schaue nur durch schmale Öffnung meiner Lider. Wo bin ich denn gelandet? Das ist nicht mein Zuhause, nicht mein Zimmer, nicht mein Bett. Ich liege ja auch nicht im Bett, sondern auf dem Boden. Aber kalt ist es hier nicht. Warm auch nicht. Es ist genau so, wie ich es mag.
Langsam gewöhnen sich meine Augen an dieses grelle, leuchtende Weiß und ich kann sie breiter aufmachen. Ich spüre einen angenehmen, leicht süßlichen Duft. Ich kenne ihn, weiß aber nicht, woher. Aber diesen Duft assoziiere ich mit etwas Vertrautem und das gibt mir Mut. Ich stehe auf und gehe nach vorne, obwohl ich keine Ahnung habe, wo ich bin und was mich hier erwartet.

Ich setze meine Schritte ganz langsam und vorsichtig. Wo bin ich? Was soll ich jetzt tun? Und vor allem… wie und warum bin ich hier gelandet???

Weit, sehr weit vor mir sehe ich eine kleine Gestalt. Ist das ein Mensch, ein Tier oder einfach ein Gegenstand oder eine Pflanze? Ist das gefährlich für mich? Ich habe hier gar nichts… Ich gehe sehr langsam vorwärts. Meine Schritte sind nicht zu hören, darüber hinaus bin ich barfuß. Ich habe nur ein weißes und sehr leichtes Kleid an… Ich nähere mich ganz sachte dieser Gestalt an. Schritt für Schritt, immer näher… schließlich kann ich erkennen – das ist ein kleines Kind. Ein Mädchen, ein kleines, süßes Mädchen in einem ähnlichen Kleid, wie das meine. Ein kleines Mädchen mit langen, lockigen, braunen Haaren. Es hat mich wahrscheinlich gehört oder gespürt, denn es dreht sich um und schaut mich mit ihren großen, wunderschönen grünen Augen an. Ihre Augen sind traurig und glasig. Sehr leise sagt sie mit einer zitternden Stimme:

– Du bist nicht Mama…
– Nein, bin ich nicht. Aber keine Angst, ich tu dir nichts an. Wer bist du? Wir können Freundinnen werden und gemeinsam nach deiner Mama suchen! – sagte ich fröhlich. Ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich es hasste, wenn mich meine Mutter irgendwo im Supermarkt oder sonst wo verloren hat, als ich im Alter des Mädchens war. Ich kann mich gut an die Panik, diese furchtbare Angst erinnern, dass ich meine Mama nie wieder sehen werde. Ich will wiklich der Kleinen helfen.
– Wo ist Mama? – fragte das Kind
– Das weiß ich nicht, aber ich helfe dir, sie zu finden! Komm, nimm meine Hand!

Die Kleine hält meine Hand und wir gehen gemeinsam vorwärts. Ein komisches Gefühl – ich war noch nie mit einem kleinen Kind unterwegs. Zum ersten mal spüre ich eine kleine Hand in der meinen. Wir können auch nicht schnell laufen – ihre kleinen Beinchen können mit mir den Schritt nicht halten. Wir gehen also ganz langsam und schweigend. Ich habe keine Ahnung, ob ich mit ihr sprechen soll. Wenn ja – worüber? Und wie?

– Wie heißt du denn? – das ist die erste Frage, die mir einfällt.
– Anne – sagt sie schüchtern.
– Na schau mal, ich heiße auch Anne! Was für ein Zufall! – vielleicht reagierte ich zu entusiastisch, aber ich kann mit Kindern nicht umgehen. – Wie sieht eigentlich deine Mama aus, Anne?
– Sie ist sehr schön.
– Das glaube ich dir, aber ich möchte genauer wissen, wie sie aussieht. Ist sie eher groß oder klein?
– Sie ist sehr groß. Wenn sie mich hebt, kann ich die ganze Welt sehen! – entgegnet sie. Ja, so kommen wir nicht weiter. Klar ist ihre Mutter groß für sie. Ich muss also wie ein Kind denken – ob ich das noch kann?
– Hat deine Mama solche schöne Augen, wie du? Sind ihre Augen auch groß und grün?
– Nein, sie hat blaue Augen. Solche möchte ich auch haben. Sie haben die Farbe des Meeres.
– Ja, die müssen bestimmt schön sein. Aber du hast auch wunderbare Augen. Hat deine Mama auch so schöne, lange, braune Haare?
– Lange Haare hat sie. Aber die sind nicht so dunkel… sie sind hellbraun. – tja, kein seltener Typ. Meine Mutter hat auch blaue Augen und hellbraune Haare, die aber kurz und mittlerweile fast ganz grau sind. Aber ich denke, es wird schon. Wenn die Kleine ihre Mutter sieht, erkennen sich die beiden bestimmt. Aber irgendwas musste ich zu ihr sagen…

– Mama ist in der Nähe! – rief plötzlich die kleine Anne.
– Wirklich? Wo siehst du sie?
– Ich sehe sie nicht, aber ich rieche sie! Es duftet nach ihr! – nachdem sie das gesagt hat, atme ich tief ein und rieche den hiesigen Duft. Das ist immer noch derselbe, schöne und süßliche Duft, auf den ich früher aufmerksam geworden bin. Ein Duft, den ich doch auch kenne…
Jetzt klingelt es! Ja! Das ist das Parfüm meiner Mutter, als ich noch klein war. Sehr klein sogar. Irgendwie im Alter von der kleinen Anne… Anne… ich bin doch auch Anne… Moment mal…

Ich halte kurz und knie nieder, um auf der Augenhöhe mit der Kleinen zu sein. Ich betrachte sie ganz genau und schaue ihr tief, ja sehr tief in die Augen. Die schönen, großen, glasigen Augen. Nein, das ist doch unmöglich… Wie denn?

Das bin doch ich selber.

Die kleine Ich.

Wie? Wie ist das möglich?

Andererseits… hier hat alles von Anfang an keinen Sinn. Weiß, überall blendend weiß. Der süßliche Duft des Parfüms meiner Mutter aus meiner Kindheit. Die kleine Ich… kleine Anne…

– Anne… – sagte ich leise – Anne, wie bist du hierher gekommen?
– Ich weiß nicht. Plötzlich war ich da und habe Mama und Papa gerufen, aber sie waren nicht da. Dann bist du gekommen.
– Anne, mir ist etwas klar geworden. Schau mich genau an! – befehle ich in immer stärkeren Aufregung
– Warum?
– Kleines, mir ist gerade klar geworden – ich bin du. Das heißt, du bist kleine ich. Ich bin Anne von der Zukunft! Wir sind aber eine und dieselbe Person!
Die Kleine schaut mich ganz verwundert an, ihre Augen werden größer und ängstlicher. Sie fragt nur:
– Was…?
Ich weiß nicht, wie ich ihr das erklären soll. Wie ich das eigentlich MIR selber erklären soll. Als kleines Kind hätte ich das auch nicht verstanden. Ich werde immer aufgeregter, hysterisch sogar. Ich begreife es nicht, was nun los ist. Und warum? Ist das vielleicht ein Traum, ein Alptraum vielleicht?
– Anne, kneif mich bitte und zwar mit voller Kraft!
– Du bist lustig! – sagt sie und lächelt leicht dabei. Aber sie kneift mich. Es tut weh.

Mir wird schwindlich und ich schwitze schon aus lauter Aufregung. Mein kleines Ich lacht – sie meint, ich sehe jetzt lustig aus. Es ist auch ok, sie hat – also, ich habe – eine Beschäftigung und ich kann ruhig nachdenken. Aber was heißt denn ruhig, ich bin nervös wie vor der wichtigsten Prüfung, von der mein Leben abhängt. Ich muss mich beruhigen. Ich atme tief ein und aus, wieder ein und wieder aus. Der süßliche Duft des Parfüms tut mir gut. Alle netten Erinnerungen aus der Kindheit fallen mir jetzt ein. Langsam besinne ich mich der besten Ereignisse, die ich vor Jahren erlebt und im Laufe der Zeit vergessen habe…
Aber nein, das ist nicht der Grund des merkwürdigen Treffens. Dieser Gedanke kommt wie ein plötzlicher Donner in warmer Sommerszeit… Nein, es geht um etwas anderes. Zumindest bin ich nicht mehr so hysterisch, obwohl immer noch aufgeregt.

– ANNE! – ruft die Kleine.
– Ja? – frage ich, heftig aus meinen Gedanken gezogen.
– Warum stehst du so rum und schaust in die Richtung? Siehst du Mama?
– Nein, Kleines, aber ich denke darüber nach, wie wir dich zu deiner Mama bringen können. Warte… – ich knie erneut nieder und schaue der kleinen Mir in die Augen – hast du Angst?
– Ja…
– Wovor denn?
– Dass ich die Mama nicht mehr sehe…
– Ich schwöre dir, ich finde sie und schon bald wist du sie sehen. Hast du noch vor etwas Angst? Irgendetwas? Ich meine, im Alltag, in deinem Leben, irgendwelche Leute, vor denen du dich fürchtest?
Die Kleine verzieht ihr Gesicht, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Aber sie fängt doch nicht zu weinen an.
– Vor bösen Kindern… und… und ihren Eltern…
– Wer sind sie? Woher kennst du sie?
– Aus der Kita… und dem Spielplatz…
– Warum hast du Angst vor ihnen?
– Sie lachen oft… über mich… und ihre Eltern sind unangenehm…
– Aber nicht alle Kinder sind so, oder? Hast du eine Freundin? Oder vielleicht mehr?
– Ja, ich habe Freunde. Wir spielen oft gemeinsam. Sie sind lustig und nett. Über sie lachen die bösen Kinder auch.
– Hast du Geschwister?
– Ja. Aber sie sind sehr groß. Sie spielen mit mir nicht. Sie wollen mit mir nicht reden. Ich habe ihnen von den bösen Kindern erzählt, aber sie haben nur gelacht und gesagt, das ist Kinderei und da sie groß sind, wollen sie darüber nicht sprechen.
– Und deine Eltern?
– Sie arbeiten viel. Aber Mama redet immer mit mir und erzählt oder liest Geschichten vor, wenn ich traurig bin. Sie kann aber nicht immer da sein… wenn ich in der Kita bin, ist sie in der Arbeit. Deshalb mag ich krank sein – dann geht sie nicht arbeiten, sondern bleibt mit mir zu Hause. Dann spielen wir oder sie liest mir Bücher vor… – ihre Stimme wird fröhlicher und sie lächelt breit. Sie… eigentlich ich. Ja, ich kann mich genau daran erinnern. An alle, die mich ausgelacht haben. An meine älteren Geschwister, die nie für mich da waren… manchmal waren sie sogar gegen mich… Und meine Mutter, die Einzige, auf die ich mich immer verlassen konnte.
Ich drücke die kleine Mich ganz fest und liebevoll. Ich weiß, was ich machen muss – keine Ahnung woher, mir ist das einfach bewusst geworden. Ich muss sie – die kleine Mich – schützen. Sie lebt immer noch in mir und hat diese furchtbare Angst vor den Angriffen böser Menschen, von denen die Erde so voll ist.

– Mach dir keine Sorgen, Anne. Ich weiß schon, wohin wir gehen müssen. Dort wartet auch deine Mama auf dich!
– Woher weißt du das?
– Ich habe ein bisschen nachgedacht und es ist mir eingefallen. Ich bin sicher, dass ich mich nicht irre.
– Warum bist du so klug?
– Ich habe das von meiner Mama vererbt – ich lache die Kleine breit an.
Ich stehe auf und nehme die kleine mich auf den Arm; dann drehe ich mich um und gehe dorthin, woher ich gekommen bin. Das Weiß ich dort so leuchtend… das ist das Licht! Die Lichtquelle hier. Aber ich habe keine Zweifel – ich gehe in die richtige Richtung. Ich gehe ins Licht. Es wird immer wärmer, der mütterliche Duft wird intensiver, ich fühle mich immer wohler. Die kleine wiegt so gut, wie gar nichts. Ich werde auch immer leichter. Ich schwebe in den weißen, leuchtenden Wolken. Das Licht ist schon so stark, es blendet mich, so dass ich meine Augen schließen muss… Ich schwebe… Ich atme tief ein… Ich… Ich…

***

Bip… Bip… Bip…

Das maschinelle Geräusch erklingt aufs Neue.

Bip… Bip… Bip…

Ich sehe wieder Lichter über mir. Mehrere leuchtende Kreise, die selber auch einen großen Kreis bilden.

Bip… Bip… Bip…

Ich liege in einem Bett. Die Bettwäsche ist frisch und riecht nach einem billigen Weichspüler.

Bip… Bip… Bip…

Diesmal kann ich aber meine Hände bewegen. Ich spüre komische Dinge auf meinen Händen und Armen. Ich drehe leicht meinen Kopf nach rechts. Ein freundliches Gesicht eines älteren Mannes. Er lacht mich liebevoll an.

Bip… Bip… Bip…

Ich drehe meinen Kopf nach links. An der Tür steht sie. Meine Mama. Hier bist du also.

Bip… Bip… Bip…

– Mama… – sage ich leise. Ich bin sehr schwach – Mami…
Mama kommt langsam zu meinem Bett und hockt hin, um mir in die Augen zu schauen. Ihre Wangen sind ganz nass, ihre Augen sind von den Tränen geschwollen und rot geworden.
– Anne… warum?
– Warum was, Mama? – ich weiß es wirklich nicht. Ich kann mich an nichts erinnern. Noch nicht. Nur an das merkwürdige Treffen.
– Warum hast du nicht aufgepasst? Du bist auf eine Straße gelaufen. In der Hauptverkehrszeit! Du hattest einen Unfall… Zum Glück lebst du… Mein Töchterchen…
– Bitte, regen Sie ihre Tochter nicht auf. Sie braucht jetzt viel Erholung – sagt der ältere Mann. Er hat einen weißen Kittel an – das muss der Arzt sein.
– Ich weiß, ich weiß… – schleuchzt meine Mutter. Sie setzt sich auf einen Stuhl neben meinem Bett.
– Anne, du hattest wahrscheinlich eine Panickattacke erlebt und bist aus Angst losgelaufen und auf diese Weise bist du auf die Straße gelangt – leider direkt unter ein Auto. Du hattest aber viel Glück, sehr viel Glück. Dein Schutzengel hat gut auf dich aufgepasst. Du hast nur leichte – für diese Umstände – Verletzungen. Du musst aber noch im Krankenhaus bleiben und wir werden dich noch genau untersuchen.
– Ok – bringe ich nur hervor. Es ist klar, wenn ich einen Unfall hatte, muss ich hier bleiben. Langsam erinnere ich mich an die Situation, aber nur oberflächlich. Jetzt ist mir das nicht so wichtig. Es ist nicht zum ersten mal passiert. Aber zum ersten mal so krass geendet.
Doch ich bin mir sicher, es musste so sein. Ich musste das erleben. Ich brauchte das merkwürdige Treffen. Jetzt weiß ich auf einmal so viel mehr…

– Mama – sage ich leise – Mama, mach dir keine Sorgen. Ich werde gesund. Ich werde genesen und zwar voll und ganz! Ich weiß jetzt mehr… viel mehr…
– Zum Beispiel, dass man zuerst nach links und rechts schauen muss, bevor man über die Straße läuft – Mama lacht unter Tränen. Sie drückt meine Hand ganz fest und ich erwidere dies.
– Das auch – lache ich Mama an.

Danach ist alles anders geworden.
Ich habe keine Angst mehr.

Alles wird gut.

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