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8. Mai 2013 / Dagmar Grace Reder

Der Sonnenuntergang

Ich stehe an einem Ufer, meine Füße sinken leicht in den feuchten Sand, das kalte Meerwasser berührt mich rhythmisch alle paar Sekunden. Zum Glück bin ich rechtzeitig gekommen. Ich lief schnell, so schnell, wie ich konnte, um den Sonnenuntergang nicht zu verpassen. An einem so schönen Tag wäre das so Schade…

Das Wasser sieht wie flüssiges Gold aus. Es glänzt so herrlich in dem gütigen Spiel der Sonne. Ich bin weit, sehr weit von den bekannten Stellen, also ist hier niemand zu begegnen. Ich rieche die wunderbare Luft, ich atme tief, sehr tief ein, als hätte ich noch nie so richtig geatmet, als würden sich meine Lungen weiter öffnen, als gäbe es da mehr Platz, als ich mein ganzes Leben lang dachte…

„Between two lungs it was released
The breath that captured me
The sigh that blew me forward
(…)
Cause it was trapped
Trapped between two lungs
It was trapped between two lungs“

Ich kann die Musik hören, ohne irgendeinen Gerät einzuschalten.

Ich spüre eine neue Kraft. Ich spüre, wie mein Leben sich neu in allen Gliedern und Gefäßen ausbreitet.

Das pure Gold berührt ständig meine Füße, in seinem eigenen Rhythmus. Nach diesem Rhythmus stimme ich meinen Atem ein. Ich atme ein und aus… ein… aus… ein… aus…
Ich setze mich, meine Beine und Gesäß werden nass, das macht mir aber nichts aus. Ich atme tief weiter und lasse mein Angesicht von den Sonnenstrahlen beleuchten. Ich kneife meine Augen leicht zusammen, mache sie aber nicht völlig zu. Ich fühle mich, als würde selbst der liebe Gott mein Gesicht anfassen. Mit diesen warmen Strahlen streichelt er meine Wangen und sagt dabei: „Ich bin bei Dir!“

Spuren im Sand… Jedesmal, wenn ich die Spuren von einer Person sehe, weiß ich – ER trägt mich weiter…

Der Himmel und die Sonne werdem langsam rot und ich habe den Eindruck, das Wasser wird immer wärmer. Viellleicht ist es ja wahr.

Vielleicht ist mein jetziger wunsch verrückt, aber… bin selber nicht verrückt…? Ich habe nur eine Tasche mit üblichen Sachen dabei. Ich hab ja nicht geplant, heute Abend an den Strand zu gehen. Aber ich konnte und wollte auf den herrlichen Blick nicht verzichten. Ich ließ alles andere und bin hierher gekommen. Tja, was hab ich noch zu verlieren?
Ich ziehe meine eh nasse Hose aus, dann meine Bluse und nur mit der Unterwäsche an laufe ich ins Wasser. Es ist nicht kalt. Es ist genau so, wie es sein soll. Ich laufe so tief ich kann, dann springe ich noch weiter in die Tiefe, so dass mein Kopf unter Wasser kommt. Weiter schwimme ich. Dabei fühle ich mich so frisch, als wäre ich im Meerwasser geboren… Ich schwimme noch ein bisschen weiter, dann drehe ich mich um und lasse mich von den Wellen wieder ans Ufer treiben. Ich mache dies noch ein mal, dann noch mal und weiter… bis es ganz dunkel wird.
Dann gehe ich raus aus dem Wasser, glücklich wie ein kleines Kind, das zum Geburtstag ein Spielzeug geschenkt bekommt, das es sich schon länger gewünscht hat. Ich habe nicht mal ein Handtuch dabei… Deshalb nehme ich meine sowieso feuchte Kleidung und ziehe die an. In diesem Moment ist es mir egal… Ich setze mich wieder auf den Sand, jetzt schon ganz kalt, weil die Sonnenstrahlen momentan einen anderen Teil der Erde beleuchten müssen. Ich schließe meine Augen und atme wieder sehr tief ein und aus… ein und aus… ein und aus…

*Wellenrauschen*

*Wellenrauschen*

*Wellenrauschen*

*Wellenrauschen*

*Wellenrauschen*

– Irgendwann wirst du es bereuen! – höre ich eine bekannte, tiefe, männliche Stimme.
– Was machst du hier? Wie hast du mich gefunden?
– Ich kenn dich doch. Wo anders könntest du um diese Zeit sein? – sagte mein Verlobter und hüllte mich in seine Jacke ein – ich habe aber nicht gedacht, dass du ohne Schwimmsachen baden gehst!
– Das habe ich auch nicht gedacht… Auf einmal war es stärker als ich…
– Ja ja, und bald ist deine Bronchitis auch stärer als du!
– Spinner! – rufe ich und schlage ihn leicht mit einer Faust in den Bauch. Er umarmt mich und drückt ganz fest an sich.
– Komm – sagt er – wir gehen nach Hause. Ich mache dir einen heißen Tee mit viel Honig und Zitrone, sonst wirst du wirklich was Schlimmes kriegen…
– Danke, mein Sonnenschein – sage ich und küsse ihn leicht auf seine unrasierte Wange – oder besser gesagt, mein kleiner grüner Kaktus… – wir lachen.

Wir lachen und gehen gemeinsam nach Hause.

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