Skip to content
8. Oktober 2013 / Dagmar Grace Reder

Zutiefst enttäuscht… (Teil I)

Ein lauter Schrei brach die Stille der Nacht. Einige wachten plötzlich auf, denn ihr Schlaf war zu leicht, um das Lärm zu überstehen. Aber niemand konnte sagen, woher diese lauten Geräusche kommen. Nach dem Schrei ertönte nämlich ein heftiges Schluchzen.

Der schrecklichste Albtraum Ellies ging an diesem Abend in Erfüllung. Als sie nach Hause von einer Spätschicht aus der Arbeit kam, hat sie nichts gespürt, obwohl sie sich eine ähnliche Situation anders vorgestellt hatte – dabei hoffte sie fest, dass es nie zu einer solchen Situation kommt. Das war ihre Befürchtung, aber keine Erwartung. Ein Albtraum, der nie wahr werden soll.

Und doch, sie kam in die Wohnung herein und ging Richtung Küche – um wie immer einen Tee mit ihrer Freundin zu trinken und vielleicht etwas zu essen. Um ihrer Freundin über ihren Tag zu berichten und zu hören, wie ihre Freundin den Tag verbracht hat. So wie sie das jeden Tag gemacht haben. An diesem Tag war es doch anders – zunächst sah Ellie die dunkelroten, blutigen Spuren, die zu ihrer ohnmächtigen Freundin geführt haben. Sie lag in embryonaler Position, neben ihrem Kopf lag das silberne, blutbeschmierte Küchenmesser. Ihre Hände und Arme waren voller Verletzungen und frischen Wunden – aus denen  floß immer noch das Blut.

Dieses grausame Bild verursachte Ellies Reaktion, die die Nachbarn weckte. Sie stand dann einige Minuten lang über dem blassen Körper ihrer besten Freundin und starrte den an. Sie war wie gelähmt, ihr wurde schwindlich und heiß. Erst, wenn jemad stark an die Tür klopfte und laut rief „Was ist denn los?“ erwachte Ellie aus ihrer Trance und öffnete die Wohnungstür. Es waren Ulla und Willy, ein älteres Paar, das direkt unter den beiden Freundinnen wohnte und zu dem sie ein sehr gutes Verhältnis hatten – Ulla und Willy waren wie „Ersatzeltern“ für die beiden.  Sie standen jetzt in ihren Schlafröcken und in ihren Augen war Panik zu sehen. Schluchzend fiel Ellie in Ullas Arme und bat sie, schnell Hilfe zu holen, denn ihre Freundin lag verletzt in der Küche und blutete stark. Mehr sagte Ellie nicht und zusammen mit dem älteren Paar kam sie zurück in die Wohnung. Ulla griff sofort nach dem Telefon und rief den Notarzt an, Willy blieb bei seiner Frau und hielt fest ihre Hand. Ellie eilte in die Küche und setzte sich neben ihre verletzte Freundin. Sie streichte das dunke Haar aus dem Gesicht ihrer Freundin weg und versuchte zu kontrollieren, ob sie überhaupt noch atmet oder ob der Puls zu spüren ist. Vergeblich – aber Ellie wollte nicht daran glauben, dass dies ein Ende sein soll – sie überzeugte sich selber in ihren Gedanken, dass sie einfach zu aufgeregt ist, um irgendwas zu spüren.

So saß Ellie bei dem blassen und immer kälteren Körper, die Zeit blieb für sie stehen. Sie wusste nicht mal, ob sie kurz oder lang gewartet hatte, bis sie Ullas Stimme hörte:
– Ellie, Liebes, komm, die Notärzte sind da, sie helfen deiner Freundin, komm aus dem Weg…
Ellie stand mit Ullas Hilfe auf und ging sehr langsam weg. Sie hielt noch die kalte Hand ihrer Freundin und wollte die nicht loslassen, denn sie wusste nicht, ob sie diese Hand überhaupt noch wird halten können… Aber einer der Ärzte hat die Hände der Freundinnen getrennt und begann zusammen mit seinen Kollegen die Reanimation. Die Zeit blieb immer noch stehen.

———————————————————————————————————————————————

Zum Krankenhaus kam Ellie mit Ulla und Willy – das ältere Paar hatte nämlich ein kleines Auto und wollten auch wissen, was mit ihrer jungen Nachbarin los ist. Weder Ellie noch ihre Nachbarn wussten, wie spät es überhaupt ist. Ellies Augen waren fast so rot, wie die Blutflecken in der Küche – und dies nicht wegen Müdigkeit, sondern wegen der panischen Angst um ihre Freundin, außer der sie nichts im Moment spürte. Die Tränen floßen ständig auf ihren Wangen. Ihre Gedanken kreisten wiederum ständig um eine Frage: warum? Was hat ihre Freundin dazu bewogen, den entgültigen Schritt zu setzen? Was fehlte ihr doch? Hat Ellie nicht ihr Bestes getan, damit dieses nicht passiert? Was hätte sie besser oder anders machen sollen?

Ulla und Willy waren nicht weniger besorgt als Ellie. Aber mit dem Unterschied, dass sie das traurige Geheimnis von Ellies Freundin nicht kannten. Sie hatten keine Ahnung, dass Ellie jetzt das Wahrwerden ihres größten Albtraumes erlebt, dass sie diese Situaton befürchtet hat, seitdem sie ihre Freundin überhaupt kennt. Trotzdem eine ihrer „Ersatztochter“ wurde gerade notoperiert und sie wussten nicht mal, ob sie dies überlebt. Die drei saßen jetzt und redeten nicht miteinander, als wäre ein Gespräch eine weitere Gefahr für das Leben der Verletzten. Sie warteten in Stille, hörten nur dem leisen Ticken der Wanduhr zu und rochen den sterilen, für die Krankenhäuser so typischen Duft.

Nach einer gewissen Zeit – keiner konnte genau bestimmen, nach welcher – ging einer der Notärzte auf die drei zu. Am Anfang war sein Gesichtsausdruck nicht zu erkennen, denn er hatte immer noch die Maske auf. Die zog er langsam nach unten, schaute auf Ellie mit fröhlichen Augen und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er endlich sagte, was Ellie so sehr hören wollte:

– Sie hat’s geschafft!

———————————————————————————————————————————————

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: