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3. November 2013 / Dagmar Grace Reder

Der Brief

Ich setzte mich auf einem harten, schon lange nicht mehr bequemen, hölzernen Stuhl und zündete die Kerze an. Ein leichtes, aber warmes und gemütliches Licht erfüllte mein kleines, leeres Zimmer. Hinter dem geschlossenen Fenster hörte ich das verstummte Rauschen des Windes und die leisen Schläge der Regentropfen an den Fensterscheiben. Geräusche, die eine echte Wonne für meine Seele sind und dazu konnte ich noch die Wärme des Feuers an der Kerze spüren…

Ich griff nach meiner alten Feder, die ich immer zum Briefeschreiben benutzt hatte. Sie lag tief in einer Schreibtischschublade versteckt, voll verstaubt – weil ich sie so lange nicht mehr brauchte. Hatte ich keine Zeit? Doch. Zeit findet sich immer, wenn man auf etwas oder jemanden einen Wert legt. Keine Gelgenheit? Doch, mehrmals. Leider, mehrmals sagten die inneren Stimmen des Zweifels „Lass es, es bringt ja gar nichts, außer Enttäuschung und Schmerz“ sowie des Stolzes „Du bist auch was wert, du musst nicht immer alles selber machen. Lass dir zeigen, dass du wichtig bist“. Nun war es zu spät.

Ich hatte keinen Briefumschlag – den brauchte ich eh nicht. Nur einige Blätter Papier, die Feder und das Tintenfass. Ich öffnete es vorsichtig, tauchte die Stahlfeder in die Tinte ein und begann zu schreiben.

Liebster,

und schon in diesem Moment fand ich keine Worte mehr. Ist es überhaupt möglich – mit einer so einfachen Sache wie Worte etwas so geheimnisvolles und kompliziertes wie Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen…? Künstler haben es einfacher – mit Bildern und Melodien ist es doch einafacher. Und die echtesten und leidenschaftlichen Künstler können auch mit den Worten malen und komponieren. Da ich aber nie irgendeine künstlerische Anlage gehabt hatte, konnte ich erstmal nicht weiter. Ich saß einfach und schaute auf das leere Blatt und hörte aufmerksam den Regentropfen an meinem Fenster zu. So viel wollte ich mitteilen und wusste nicht wie.

ich will nicht über die vergehende, ja die rasende Zeit schreiben. Ich weiß nicht und will gar nicht wissen, wie lange es Dich nicht mehr gibt. Seit wann es mich ohne Dich gibt. Was einzig wahr und wichtig ist, ist dass meine Existenz sich in die sinnlose Länge zieht, was ich gar nicht stoppen kann. Komischer Anfang, ich weiß, aber bestimmt echter als die leeren Worte „mir geht es gut, und dir?“, die so gut wie nie der Wahrheit entsprechen. „Mir geht es gut“ – eine der größten Lügen in der Menschengeschichte. Uns ging es niemals gut, und doch – als wir zueinander gefunden haben…

Wie oft ich Dich enttäuscht habe, weiß ich nicht – so viel mal ist dies passiert, dass nicht mal der liebe Gott es zählen könnte . Deinen letzten Wunsch habe ich ebenfalls nicht erfüllt. „Lebe wohl!“ hast Du mir gesagt. Leider, ich lebe nicht wohl. Fangen wir damit an, dass ich gar nicht lebe. Schon seit langem nicht mehr. Ich existiere, wie eine hässliche Pflanze, der man nur ein wenig Wasser und Erde geben muss, damit ihre vegetativen Funktionen sich nicht abschalten. 

Wann habe ich so viel Mut wie Du und traue mich, zu gehen. Nicht weiter, denn es gibt kein weiter. Es gibt keine Zukunft mehr. In der Kindheit haben uns die Eltern, Lehrer und alle anderen versucht, zu überzeugen, dass es dieses komische Ding genannt Zukunft gibt. Und was wir alles dafür tun können und müssen. Kannst Du Dich erinnern, als uns dieser Schmerz und die Hoffnungslosigkeit verbunden hatten? Umso mehr kann ich Dir nicht verzeihen, dass Du gegangen bist und mich alleine in dieser grausamen Welt im Stich gelassen hast.

Wieder habe ich meine Feder zur Seite gelegt und wusste nicht weiter. Wieder hat der Schmerz all die positiven Gefühle verdeckt. Ich wollte doch nicht, dass diese Mitteilung irgendein Vorwurf ist. Andererseits will ich aber über Gefühle schreiben…

Mein Liebster, verzeih mir bitte, wenn Du dies als ein Vorwurf empfindest. Dies war nicht mein Ziel. Ich wollte Dir lediglich darüber schreiben, was ich fühle und der Schmerz und vielleicht ein wenig Zorn sind leider auch  dabei.

Weißt Du, was wirklich zählt, ist die Tatsache, dass Du da warst.  Dass ich Dich überhaupt kennen lernen durfte. Du bist… nein, wir sind in unseren Leben gegenseitig so plötzlich erschienen. Keiner von uns erwartete diese Begegnung und keiner wusste, wie dies endet. So wie es eigentlich immer in Büchern oder Filmen geschieht. Aber, holen die Autoren ihre Ideen nicht aus dem wahren Leben…? Mimesis halt, die Nachahmung der Natur, der Wirklichkeit…

Geschichte, die eigentlich als ein schönes Drehbuch dienen könnte, doch Du hast Dich anders entschieden. Du hast ein plötzliches, unerwartetes (oder doch nicht?) Ende gesetzt. Ich bin Dir nicht böse. Nur traurig. Wahnsinnig traurig, denn Du hast Sonne in mein Leben gebracht und hoffentlich ich in Deins auch, was ich eigentlich bezweifle, so ein bedauerliches Wesen wie ich hat die Sonne nicht mal angefasst, geschweige denn die zu holen.

So wie alle schönsten Dinge im Leben, dauerte auch dieses nur ein Augenblick. Unbedeutend, könnte man sagen, so kurz wie es war. Doch für mich ist das alles. Ein kostbarer Schatz, tief in meinem Herzen versteckt, zu dem keiner außer Dir und mir Zugang hat. Und Du bleibst dort für immer. Und dafür bin ich Dir so dankbar. Ich danke Dir, dass es Dich gab. Kannst Du Dich noch erinnern, als wir uns zum allerersten mal gesehen haben? Wie misstrauisch und ängstlich wir gegeneinder waren. Wie wir Angst hatten, miteinadner zu reden, sich anzufassen? Wenn ich daran denke, wie viel Zeit wir hätten sparen können, wenn wir beide mehr Mut gehabt hätten. Aber andererseits wäre die Beziehung zwischen uns nicht so magisch gewesen, wie sie war…

Das Leid… Der Schmerz… und die Wunden, die wir hatten – alles dasselbe. Du hast mich wie keiner andere Verstanden und ich Dich auch. Wir kannten unsere Geschichten sehr wohl und wussten genau, was der andere gefühlt hat. Wir verstanden uns ohne Worte… das einzige, was wir brauchten, war die Nähe – die gegenseitige Nähe, die wir uns für diese kurze Zeit gegeben haben… Die Nähe brachte auch die Wärme, das Verständnis und das klitzekleine bisschen Glück, für das es sich lohnt, zu leben… Weißt Du noch, als Du mich so sehr überzeugen wolltest, dass das Leben ein Geschenk ist und ich es so gut wie möglich nutzen soll. Nach sich selber suchen und für andere da sein – das war deine Definition. Fürs Glück oder Leben – weiß ich bis heute nicht…

Und Du warst das beste Beispiel für Deine eigene Theorien, was eigentlich selten vorkommt… Die Meisten sind nur Klugscheißer mit leeren Worten über den eigentlichen Sinn des Lebens, bla bla bla… aber Du warst das Beispiel. Du hast das Beste aus Deinem Leben gemacht. Du warst für Dich selber, für mich und für alle anderen da. Ich kann keinen nennen, der Dich nicht gemocht hätte. Das war ein Riesenunterschied zwischen uns – trotz aller Verletzungen, Enttäuschungen und Unglücken, die wir erleben mussten, hast immer noch an diese Welt und die Menschen geglaubt, was ich nicht mehr konnte und nicht mehr kann. Und schau mal, wie komisch – ich bin immer noch da… Obwohl ich mich entschieden habe – ich geh zu Dir. Dieser Brief ist auch nicht mehr nötig, denn bald sage ich Dir das alles persönlich…

Nur eines musst Du davor wissen, was Dir hoffentlich bereits bewusst ist – ich liebe Dich. Und zwar vom ganzen Herzen. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich Dich vermisse und wie schwer es mir ohne Dich ist. Aber bald ist es vorbei… bald sind wir wieder zusammen…

Ich las noch mal das, was ich geschrieben habe und dachte nach. Ja, da fehlte noch was. Ein Satz, der das Ganze ideal ergänzt und die Wahrheit verrät…

Aber eines werde ich Dir nie verzeihen können, Liebster. Dass es Dich in Wirklichkeit niemals gab…

                                                                                                                                                                                   

                                                                                                                                                                                                         Deine …

Ich las es immer wieder durch und dachte über die Worte nach. So viel hätte ich  besser schreiben können – bessere Audrücke vielleicht nutzen oder ein wenig lesbarer schreiben… aber andererseit wäre es nicht mehr ich gewesen. Das ist der Punkt – er muss den Text so verstehen, als hätte ich den im persönlichen Gespräch gesagt. Ich ließ den Brief so, wie der war.

Ich nahm das Blatt, faltete es und stand auf. Ich merkte es beim Schreiben gar nicht, aber mein Rücken tat mir wahnsinnig weh. Ich beugte mich ein paar mal nach vorne und es ging mir ein wenig besser. Ich zog meine Schuhe und meinen Mantel an, verlass das angenehm warme Zimmer und ging in die tiefe Nacht, begleitet durch das herbstliche Unwetter.

Ich ging langsam und genoss den Geruch der feuchten Erde. Große Regentropfen schlugen gewaltig in mein Gesicht, der Wind schien zu versuchen, mich nach hinten zu drängen, aber ich gab nicht auf und ging weiter. Ich wollte und musste meinen Brief verschicken…

Schließlich erreichte ich mein Ziel – den Abgrund des Berges, an dem mein Häuschen stand. Das Wetter war ideal – der starke Wind konnte mir beim Versand des Briefes helfen. Ich stellte mich direkt am Abgrund und verlor für ein paar Sekunden das Gleichgewicht. Zum Glück stand ich gleich wieder sicher am Boden mit dem Brief in der Hand. Der starke Wind zog mich nach hinten, aber ich war stärker. Ich faltete das Blatt auseinander und schaute noch mal auf den Text. Aber es war zu dunkel, um die Worte oder Buchstaben zu erkennen, zumal die Regentropfen die Tinte verschwammen. Ich atmete tief ein und ließ den Brief los. Das Blatt drehte sich und flog weg. Es dauerte nicht lange und ich sah den Brief nicht mehr. Die eiskalten Regentropfen vermischten sich mit Tränen auf meinem Gesicht. Ich drehte mich um und ging nach Hause.

In meinem Häuschen war es immer noch so angenehm warm… perfekt für das, was ich vorhatte… Ich ging zum Badezimmer und öffnete dort das kleine Schränkchen, wo ich unter anderem meine kleine Hausapotheke hatte. Ich brauchte nicht lange zu suchen – das Fläschchen fand ich sofort. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und griff nach dem Glas Wasser, das ich mich für Briefschreiben vorbereitet hatte, aber doch nicht austrank. Ich öffnete langsam das Fläschchen und schluckte den gesamten Inhalt. Die Tabletten waren sehr, sehr bitter, deshalb trank ich schnell und gierig das Wasser aus. Ich fühlte und spürte nichts mehr. Ich blies die Kerze aus und ging ins Schlafzimmer. Wie jeden Abend legte ich mich in mein kleines, warmes Bett. Ich ging schlafen. Aber diesmal – für immer… Und dachte dabei nur…

Ich gehe zu Dir, Liebster…

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