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3. Oktober 2015 / Dagmar Grace Reder

Sehnsucht… nach wem?

Ich sitze in meinem kleinen, dunklen Zimmer. Ich will das Licht nicht anmachen… die Dunkelheit bietet mir die Sicherheit, die ich jetzt so sehr brauche. Dazu die leise, ruhige Musik, roter Wein in meinem Becher und die kalte Herbst-Luft, die durch das offene Fenster sanft hereinströmt. Ich träume vom Meer, vom Meer in der Nacht, in der warmen Sommernacht, während der auf dem klaren, dunkelblauen Himmel alle Sterne deutlich zu sehen sind. Der große Wagen, die einzige Konstellation, die ich erkennen kann. Obwoh es mir tausendmal gezeigt wurde, wie man durch den Wagen den Polarstern finden und somit die Nordrichtung bestimmen kann, weiß ich bis heute nicht, wie das geht. Ich weiß nicht, wo der Polarstern ist. Ich weiß nicht, wie man die richtige Richtung bestimmt. Ich weiß nicht, wo der richtige Weg ist. Deshalb geh ich meinen eigenen – mit Tausenden Sackgassen, mit Fehlern, einfach vor mich hin, wie es mir mein Verstand sagt. Dem Gefühl vertraue ich nicht mehr.

Ein weiterer Schluck Wein tut mir gut. Der Rhythmus meines Herzens passt sich der ruhigen Musik an. Ich bin hier sicher. Hier kann nichts Böses passieren.

Mein Blick fällt auf mein Handy. Stille. Noch vor kurzer Zeit war es nie still… Als du noch ein Teil meines Lebens warst. Oder besser gesagt, als ich noch so naiv war, zu glauben, du seist ein Teil meines Lebens. Und nun denke ich wieder nach. Egal, wie sehr ich mir Mühe gebe, mich zu beschäftigen, viel zu lesen, viel zu lernen, viel zu tun, es kommt immer wieder zurück. Der Gedanke, wie komisch und gleichzeitig faszinierend das Tier Mensch ist. Was sein Verstand alles machen kann, um das Leben erträglicher zu machen. Das Leben, die Welt und die Menschen sind übermäßig angepriesen.

Es wundert mich, wieder das komische Gefühl der Sehnsucht zu empfinden. Ich vermisse dich, obwohl ich dich nie wieder sehen will. Ich will dich für immer vergessen. Und eigentlich hab ich es schon getan… Dein echtes Ich habe ich vergessen.

Ich trinke noch ein wenig Wein, um die angenehme Wärme im Körper zu spüren. Ich mache die Augen zu und denke an das beruhigende Rauschen der ewigen Wogen, die salzige Luft und die leichte, belebende Brise.

Es wundert mich, es ist komisch, weil ich dich komplett vergessen habe. All die Boshaftigekeiten, all die negativen Gedanken und Taten, all die Lügen und all die Gewalt. All die Gründe, die zur Entscheidung geführt haben, dich zu verlassen. Es bleibt aber diese Sehnsucht. Die Sehnsucht nach meinem Bild von dir. Nach dem Ideal, für den ich dich mal gehalten hatte. Nach dem Menschen, der du nie warst. Lustig. Lustig, wie man nur diese Bilder im Kopf behält und sich selber somit unglücklich macht. Ich stelle mir vor, wie glücklich wir sein könnten – und überlege, ob ich meine Entscheidung bereuen soll. Kennst du das? Du wolltest doch auch, dass ich anders bin als in Wirklichkeit.

Die Wahrheit, die Wirklichkeit tun weh. Das macht das Leben schwer und unsere Vorstellungen, Phantasien und Illusionen machen das schwierige Leben leichter. Wie toll hat es sich angefühlt, zu denken, du hättest mich geliebt. In Wirklichkeit hast du es nie getan. Und ich liebte nur dein Schein-Ich. Ich liebte mein Bild von dir, du liebtest dein Bild von mir. Wie bitter.

Plötzlich spüre ich die Wärme meiner Tränen auf meinen Wagen. Warum war es so…? Warum mussten wir uns begegnen…?

Ich vermisse mein Bild von Dir, ich weiß jedoch, wenn ich dich sehen würde, ginge ich in eine andere Richtung. Zwei Wege, nicht parallel und nicht vertikal. Einfach anders, in zwei völlig anderen Welten. Zwei Charaktere, nicht ähnlich, aber auch nicht gegensätzlich. Zwei verschiedene Geschichten, zwei verschiedene Romane unterschiedlicher Genres. Zwei Teile, die überhaupt nicht zueinander passen. Woanders sind sie geboren und woanders werden sie sterben.

Ich stehe auf und gehe auf mein Balkon. Ich atme die kalte Luft tief ein. Inzwischen ist es sehr spät geworden. Kein Mensch ist auf der Straße zu sehen, kein Fahrzeug fährt, kein Hund bellt. Nur die gesegnete Stille, als würde sich die Welt dem Zustand meiner Seele anpassen wollen. In der Kälte spüre ich etwas Vertrautes. Es riecht nach Ruhe. Ich schaue nach oben, sehe doch die Sterne nicht – nur die dunkelgrauen Wolken, die den morgigen Regen ankündigen. Die Welt wird also mit mir weinen.

Ich komm zurück und trinke meinen Wein aus. Ich schaue noch mal auf mein Handy, danach mache ich es aus. Es wird eh nicht klingeln.

Dich gibt es nicht. Dich gab es nie…

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